Gedichte auf Deutsch

Martha 

 

Ist das denn Recht, 

dass Selma Rosenbaum weint?

Und auf dem Schulhof ganz alleine steht?

 

Ich will ihr helfen! Möchte wissen, wie?

Doch Mutter sagt mir:

„Martha, misch dich doch nicht ein!“ 

 

Ich senk den Blick,

ich höre weg,

es geht mich doch nichts an. 

 

Ist das denn Recht, 

dass Rosenbaums Laden brennt?

Und auch ihr Gotteshaus neben an?

 

Und keiner hilft! Ich will verstehn, wieso? 

Doch Vater sagt mir:

„Martha, bist noch viel zu klein!“ 

 

Ich senk den Blick,

ich höre weg, 

ich kann doch eh nichts tun. 

 

Ist das denn Recht, 

dass man uns plötzlich teilt?

Und Unterschiede macht, wo keine sind?

 

Den einen - goldne Haare, andren – goldner Stern,

Doch alle sagen:

„Martha, so muss es eben sein!“ 

 

Ich senk den Blick,

ich höre weg,

ich pass mich einfach an.

 

Ist das denn Recht, 

dass Frau Öztürk schweigt?

Und sich vom Nachbar so beschimpfen lässt? 

 

Ich schäum vor Wut und trete langsam vor.

Doch mein Mann sagt mir:

„Martha, halt dich doch daraus!“ 

 

Ich senk den Blick, 

ich höre weg,

ich bin es ja gewohnt. 

 

Ist das denn Recht, 

dass Mehdi sich nicht wehrt?

Und täglich in der Schule angegriffen wird?

 

Ich bin empört und sprech` den Lehrer an.

Doch er sagt achselzuckend:

„Kann doch gar nicht sein!“  

 

Ich senk denk Blick,

ich höre weg,

es ist ja nicht mein Kind.

 

Ist das denn Recht,

dass Flüchtlingsheime brennen? 

Erst eins, dann zwei – und dann so immer fort?  

 

Ich bin entsetzt und will verstehn, wieso? 

Doch alle sagen:

„Martha, passiert grad überall.“ 

 

Ich senk den Blick,

ich höre weg,

das hat schon seinen Grund. 

 

Ist das denn Recht,

dass wir im Leben so viel hab`n verpasst?

Und unsren Kindern auch nichts beigebracht? 

 

Ich bin entsetzt, mein Land wählt wieder rechts. 

Doch alle sagen:

„Martha, ist Demokratie!“ 

 

Ich senk den Blick,

ich höre weg,

ich hab das schon erlebt. 

 

 

Ist das denn Recht, 

dass wir aus Fehlern nichts gelernt?

Und wiederholt sich alles, wie verhext! 

 

Ihr habt die Chance, 

die ihr jetzt noch lebt. 

Die Chance heute - und nicht morgen, nicht demnächst… 

 

Senkt nicht den Blick, 

hört bloß nicht weg, 

verliert nicht den Verstand. 

 

So wie ihr lebt, 

Was ihr draus macht, 

Das liegt in eurer Hand. 

 

(2015/2017)

 
***

Gleiche Gegensätze

 

Wir sind uns einer Meinung,

und werden doch nicht einig.

 

Gedanken sind die gleichen,

doch Wortwahl unterschiedlich.

 

Gemeinsame Ideen,

doch jeder macht das Seine.

 

Die Ziele sind identisch,

doch scheiden sich die Wege.

 

Wir denken aneinander,

doch würden`s nie zugeben.

 

Je mehr Distanz wir schaffen,

so größer wird die Nähe.

 

Wir kämpfen um die Freiheit -

Abhängigkeit wird größer.

 

Wir könn` nicht miteinander,

und leider auch nicht ohne.

 

19.11.2015

 

***

Gewissenlose Nähe

 

Wir begrüßen uns ohne große Floskeln,

es ist gar nicht so förmlich wie sonst.

 

Wir sind per Du und einander bekannt,

Anreden und Ämter einfach vergessen.

 

Wir trinken bremsenlos Wein,

und starken Kräuterlikör dazu.

 

Im Hintergrund spielt leise Blues,

nach Likör sind wir wieder beim Wein.

 

Wir reden über Politik und die Welt,

über Kunst, Literatur und Leute.

 

Wir lästern über alle, die wir kennen,

wir lachen, streiten, werden immer näher.

 

Wenn ich dich ansehe, ist es so,

als würd ich in den Spiegel blicken.

 

Es ist so komisch plötzlich zu erkennen,

dass jemand genauso ist wie ich.

 

Ich schau dich pausenlos an,

und halte deinen Blicken stand.

 

Ich vergöttere dich insgeheim,

und habe irgendwie auch Angst.

 

Deine starken Arme wie ein Eisenring,

ich bin gefangen, kann nicht weg.

 

Deine Stimme wie Betäubungsmittel.

Dein Lachen wie eine Hypnose.

 

Du singst ohne Gitarre,

ich schwärme ohne Liebe.

 

Dein Gold zwischen meinen Fingern,

mein Gold ergießt sich übers Kissen.

 

Vergessen, wer du eigentlich bist,

ich werde frech und lach dich aus.

 

Du hältst mich fester, lässt nicht los.

Distanz? Das will ich selbst nicht mehr.

 

Es ist ein Glück und eine Qual.

Diese gewissenlose Nähe.

 

***

Machtspiel

 

Das ist doch sinnlos,

einen Tiger einzusperren!

Damit er mit all seiner Macht,

seiner Kraft und Geschmeidigkeit,

die Welt vom Inneren des Käfigs sieht?

 

Das ist doch irre,

einem Vogel die Flügel zu brechen!

Damit er mit all seiner Liebe zur Luft,

mit all seinem inneren Streben nach Freiheit,

vor den Glasscheiben eines Fensters zugrunde geht?

 

Das ist doch herzlos,

einem Träumer die Realität zu erklären!

Damit er seinen Willen die Welt zu verbessern

und seinen festen Glauben an das Gute in Menschen

verliert, verzweifelt und so wird, wie er nie sein wollte?

 

So lass mich dein Tiger sein,

dein gefährlich exotisches Haustier.

Aber halte mich auf keinen Fall im Käfig,

denn passt du einen Augenblick nicht auf,

schnappe ich sofort zu und verletze dich tödlich. 

 

Lass mich dein Vogel sein,

der hoch in den Himmel fliegt

und dir alle Neuigkeiten der Welt berichtet.

Aber nimm mir bitte nicht die Fähigkeit zu fliegen,

denn ansonsten kann ich dir doch kaum nützlich sein.

 

Lass mich weiterhin träumen,

mache keine Marionette aus mir,

lass mir all meine freien Gedanken.

Du wirst es eh nicht schaffen mich zu bändigen,

und wenn du versagst, wirst du es eh nicht zugeben wollen.

 

15.11.2015

 

***

 

Doch du...

 

Du weißt mich aufzubauen,

doch du weißt auch, wie man mich zerbricht.

 

Du kannst mir Mut zusprechen,

doch mir die Angst nicht nehmen.

 

Du lehrst mich stark zu sein,

doch bist du meine größte Schwäche.

 

Du ermutigst mich zum Kampf,

doch gibst mich kampflos auf.

 

Du erinnerst mich an Gott,

doch treibst du teuflisches Zeug mit mir.

 

Du sagst mir, ich soll reden,

doch schweigst du jederzeit.

 

Du rätst mir meinen Traum zu leben,

doch gibst mir nur Realität.

 

Du hältst dich an Gebote Gottes,

doch brichst das sechste jeden Tag.

 

Du predigst mir von Ehrlichkeit,

doch schickst mich fort ins fremde Bett.

 

Du nennst mich deine Frau,

und lässt mich doch beim andren Mann.

 

***

 

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