Familie Lerke / Haase

Die Anfänge...

Meine eigene Spurensuche begann vor vielen Jahren, als meine Großmutter mir zum ersten Mal über ihre Vergangenheit erzählt hatte. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr habe ich nichts vom Schicksal der Deutschen aus Russland gewusst. Ich selbst betrachtete mich damals als Russin und war deshalb auch etwas empört darüber, dass meine Großmutter sich als Deutsche bezeichnete und sich trotz all meiner Argumente nicht umstimmen ließ.

In den vergangen Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit der Geschichte der Russlanddeutschen und habe mittlerweile sehr viel über meine Familie herausfinden können. Dennoch fehlen mir noch sehr viele Puzzleteile. Aber Familienforschung erfordert sehr viel Zeit und Geduld. Ich hoffe sehr, dass ich mit der Zeit noch mehr Ergebnisse über meine Herkunft und über das Leben meiner Vorfahren zusammentragen kann. 


Rechts auf dem Bild ist meine Urgroßmutter Alwina Lerke zu sehen. Dieses Foto, mit ihren Schwestern Pauline (mitte) und (vermutlich) Amalie, entstand ungefähr um 1920. Alwina Lerke war die Tochter von Christopher Lerke (1864 in Grünthal/Moschanowka) und Albertina Haase (geb. 1874, ebenfalls in Grünthal). Von meinem Ururgroßvater Christopher Lerke ist mir wenig bekannt. Ich habe eine Information, dass er mal in Tschestonchau & Czestonchowa, in Polen, Schlesien gelebt hat. Doch da er in Grünthal geboren ist, werden vermutlich seine Eltern aus Schlesien stammen. Albertina Haase war die Tochter von Ferdinand Haase (auch Hase) und Justine Eisenbrenner (auch Eisbrenner). Sie hatte noch zwei Schwestern, Julianna, geb. 1876 und Pauline geb. 19 oder 20. Mai 1978. Über Julianna habe ich herausgefunden, dass sie in den 30er Jahren mit ihrem Sohn Daniel nach Kanada, vermutlich Edmonton gegangen ist. Dort verliert sich ihre Spur. Sie war mit Wilhelm Krebs verheiratet, der noch in der Ukraine starb. Julianna hatte noch zwei weitere Söhne, August und Ferdinand. Es existieren Einbürgerungsurkunden, d.h., dass diese in Deutschland waren. Was mit ihnen danach geschah ist mir leider unbekannt. Im Internet habe ich eine ganze Reihe von Nachfahren der Krebs gefunden, doch leider habe ich bis heute niemanden ausfindig machen können. Über die zweite Schwester Pauline ist mir nichts bekannt, außer, dass ihre Paten Samuel Pahl und Amelie Wannke hießen.

Das Leben meine Ururgroßeltern gestaltete sich alles andere als einfach. Sie hatte 14 Kinder und wurden bereits 1915 deportiert. Es sollte nach Sibirien gehen, doch unterwegs hatte die Familie Verluste zu beklagen. Als der Zug in Saratow anhielt, wollte Albertina mit ihren Töchtern schnell die Toilette aufsuchen. Zwei ihrer Söhne kletterten derzeit unbeobachtet unter den Zug. In diesem Moment rollte ein Wagon an und die beiden Jungs erlitten schwere Verletzungen. Der kleine August verlor ein Fuß und dem zweijährigen Adolf wurden ein Arm und ein Bein abgeschnitten. Im Krankenhaus meinten die Ärzte zu Albertina, sie solle den Kleinen einschläfern lassen. Der lange Weg nach Sibirien, mit so vielen Kindern und diesem schwerverletzten Kind, doch Albertina wehrte sich dagegen und wollte ihren Sohn am Leben lassen. Als sie sich am Abend für eine kurze Zeit entfernte, um ihre kleine Tochter Ottilie zu stillen, haben die Ärzte selbst ihr Urteil über das arme Kind gesprochen. Als Albertina zurückkam, lag der Adolf bereits im Sterben. Kurze Zeit darauf, starb auch die achtmonate alte Ottilie. Man erlaubte der Familie in Saratow zu bleiben, was damals ziemlich ungewöhnlich war. Später kehrte die Familie Lerke zurück.

Mein Ururgroßvater Christopher Lerke muss wohl ein sehr fleißiger und ehrgeiziger Mann gewesen sein. Bereits vor der ersten Deportation besaß er große Landflächen, die er gemeinsam mit seinen Söhnen bewirtschaftete. Als sie in ihr Dorf Dubowaja zurückkehrten, bemühte sich Christopher die enteigneten Ländereien zurück zu bekommen - und es ist ihm gelungen.

Über die einzelnen Kinder der Familie Lerke habe ich viele Informationen gesammelt. Dank dem Internet habe ich eine Verwandte gefunden, die genauso stark für diese Sache brennt und mir in vielen Sachen Auskunft geben konnte.

Albertina, meine Urgroßmutter wurde 1936 nach Kasachstan deportiert. Ich habe mich mit Leuten unterhalten, die sich sogar noch an sie erinnern konnten. Das Leben ihrer Geschwister ist unterschiedlich verlaufen. Der eine Bruder landete in Sibirien, einige wurden nach Deutschland verschleppt und von dort aus nach Kasachstan. Sie heirateten, bekamen Kinder und heute leben die meisten ihrer Nachfahren hier in Deutschland.

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