Auf den Spuren des Nordlichts...

An die zwei Menschen, ohne die mein Leben nicht denkbar wäre.

Ohne die ich nicht dort wäre, wo ich bin. Ohne die mein Leben keinen Sinn machen würde.

An meine geliebten Eltern, die mir nicht nur das Leben geschenkt haben,

sondern ALLES, was man für dieses Leben braucht, um glücklich zu sein.

 

Als ich noch ganz klein war, aber dennoch schon so groß, dass ich mich daran erinnern kann, weckte mich mein Vater mitten in einer winterlichen Nacht auf. Meine Mutter und er waren ganz aufgeregt und wollten mir unbedingt etwas zeigen. Ich war noch ganz verschlafen und mir graute es davor aus dem warmen Bett zu steigen. Bevor ich jedoch protestieren konnte, steckte mich mein Vater bereits in meine Walenki, die mir ohne meine Stricksocken viel zu groß waren, warf mir meinen dicken Pelzmantel über und trug mich nach draußen.

Die eisige Kälte schlug mir ins Gesicht, als er die Tür zur Veranda öffnete. Ich wusste, dass hinter der nächsten Tür, die nach draußen führte, frostige Minusgrade auf mich warten. Minus 40, wenn nicht noch mehr! Und ich hatte ja ganz nackte Beine! Und unter dem Pelzmantel nur einen Pyjama an! Mein Vater stellte mich auf den Eingangsstufen ab und zeigte mit dem Finger in den Himmel: „Schau, was dort ist!“

Das war das erste Mal, dass ich bewusst das wunderschöne Schauspiel des Nordlichts wahrgenommen habe. Ich weiß nicht, ob ich es vielleicht als ich kleiner war, schon gesehen habe, aber für mein Kindheitsgedächtnis war es das erste Mal. Ich erinnere mich ganz genau an die schwarzen Umrisse unseres Hauses, an meine Eltern, die sich wie ich, vor Kälte schüttelten, aber sich nicht von dem Anblick dieser Schönheit losreißen konnten. Ich erinnere mich an den dunkelblauen, ja, fast schwarzen Himmel. Und an diese Farben. Diese Wellen. Diese Bewegungen. Dieses Leuchten. Das war bis jetzt das schönste Naturschauspiel, das ich je gesehen habe.

In diesen Augenblicken habe ich eine unglaubliche Verbundenheit zu meinen Eltern gespürt, die mit mir dieses Erlebnis geteilt haben. Auch eine tiefe Verbundenheit zu unserem Haus und dem schwarzen Himmel, der in diesem Moment über unseren Köpfen in allen Farben spielte. Ja, sogar eine Verbundenheit zu dieser unerträglichen Kälte. Und vor allem zu meinem Heimatort.

Aufgewachsen bin ich in Karelien, im Norden Russlands. Umgeben von tausenden Seen, dunklen Wäldern, gefrorenen Flüssen im Winter, meterhohem Schnee und frostigen Temperaturen, bei denen man meinte, die Lunge würde gleich erfrieren. Und dann diese hellen Birkenwälder, diese unendlichen Blumenwiesen, so eine Vielfalt an Beeren und Pilzen. Wohin das Auge reicht: Natur, Natur, Natur!

Meine Kindheit war geprägt vom Kulturgut der Finnen, Karelen und Wepsen. Von ihrer Musik, ihren Geschichten, ihren Sagen und Mythen, die allesamt eng mit der karelischen Natur in Verbindung standen. Ergänzt wurde das durch meine Vorliebe für Geschichten nordischer Völker Lapplands und Norwegens, in denen der Norden und seine Naturphänomene immer eine große Rolle gespielt haben.  

Als ich so halb verschlafen und erfroren in den karelischen Himmel blickte und die spielenden Polarlichter bewunderte, war es, als ob mir der Norden in diesem Moment seine Liebe erklärt hatte. Und ich konnte nicht anders, als diese Liebe zu erwidern.

Lange ist es her. Doch das ist eine der wenigen Erinnerungen, die nicht verblasst. Sie ist da. Nach wie vor, lebendig mit all ihren Farben, Düften und Geräuschen. Ja, mich fröstelt es jedes Mal sogar, wenn ich mich daran erinnere.

In meinem Leben bin ich schon oft von einem Ort zum anderen gezogen. Nicht immer aus freiem Willen. Ich habe viele Länder bereist und viele Menschen kennengelernt. Stets auf der Suche nach Abenteuer, nach Glück, nach Liebe. Auf der Suche nach Sinn, nach Identität und nach meiner wahren Heimat.

Nie wieder habe ich mich so glücklich und unbeschwert gefühlt, wie in meiner Kindheit. Auch das Nordlicht habe ich an keinem der Orte mehr gesehen. Es ist und bleibt, genauso wie Karelien, meine erste große Liebe.

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