Der perfekte Mann

Eine hoffnungslose Geschichte

Sie war die perfekte Frau. Na, in Wirklichkeit vielleicht doch nicht so perfekt und das sah sie auch ein. Doch in den Augen der anderen wollte sie immer als perfekt dastehen. Also tat sie auch einiges dafür. Aber wie es immer so ist: Man kann es weder jedem Recht machen, noch kann man bei allen beliebt sein.

Doch sie strebte es mit aller Kraft an. Und so perfekt wie sie selbst war, suchte sie auch einen perfekten Mann, der perfekt zu ihr passen würde. Sie hatte eine lange Liste von Ansprüchen, oh Pardon, Kriterien, wie sie es nannte. Der perfekte Mann musste groß sein. Er musste hübsch sein. Mindestens aus der Liga Johnny Depp oder wenn er etwas älter war, auch gerne ein George Clooney. Und gut verdienen musste er auch. Aber bitte einen angesehenen Job haben. Eine Stellung. Eine hohe Position. Also einer, mit dem man in der Frauenrunde angeben konnte. Aber abgesehen vom guten Verdienst, musste er trotzdem viel Zeit für sie übrig haben. Er musste sie ausführen, in den Urlaub fahren – und dass er das auch alles finanzieren sollte, das verstand sich doch von selbst. Er musste sportlich sein. Da wären wir wieder beim Aussehen gelandet, das wurde vorhin bloß vergessen: Er musste unbedingt sportlich sein! Also kein schwabbeliger George Clooney und kein überdimensionaler Johnny Depp. Muskeln, aber bitte nicht zu viele. Auf keinen Fall ein Bodybuilder. Das wäre ja grauenhaft! Da würde sie sich ja das Gesicht zerschmettern, wenn sie mal ihren Kopf an seine Brust legen würde!

Und einen angenehmen Charakter sollte er haben. Humor wäre auch wünschenswert, aber bitte bloß kein Clown! Dennoch musste er ernst genug sein, damit er überall präsentiert werden kann. Er sollte zu jedem Gesprächsthema auch was dazusagen können. Gebildet musste er sein. Einer mit Doktortitel wäre natürlich perfekt. Es war jetzt kein Muss, aber er sollte schon was in der Birne haben.

Des Weiteren durfte er ihr nichts verbieten und jeden Wunsch von den Augen ablesen können. Er solle sich bloß nicht einbilden, dass sie – die emanzipierte und unabhängige Frau sich was von einem Mann sagen lässt. Aber er sollte auch kein Weichei sein. Denn Weicheier konnte sie nicht ausstehen. Nein, lieber würde sie elend in der Einsamkeit verenden, als einen Weichei zu nehmen, der bei jedem Streit voller Tränen und Rotz auf den Knien vor ihr herumkriecht. Er muss auch mal auf den Tisch hauen können und sagen, was Sache ist. Aber bitte nicht zu arg. Sie konnte es nämlich nicht ertragen, wenn Männer laut und aggressiv wurden. Er sollte nicht vergessen, dass sie in der Beziehung das Sagen hat.

Kochen muss er auch können. Also ohne Kocherfahrung braucht er gar nicht bei ihr anzutanzen. Und Tiefkühlgerichte kann er gleich mal aus seinem Speiseplan streichen. Sie ernährt sich bewusst und gesund, aber Fast Food einmal die Woche ist ein Muss.

Und er soll sie lieben so wie sie ist. Ob dünn, ob dick, ob geschminkt oder ungeschminkt, gut oder schlecht gelaunt. Er solle bitte jeden Tag mit Blumen und Geschenken nach Hause kommen und überhaupt, sie hat es nicht nötig ihm irgendwas zu erklären. Sowas selbstverständliches müsste ihm eigentlich klar sein.

Und was das Geld betrifft – Geizhalse konnte sie aufs Leben nicht ausstehen. Am besten das Geld bleibt bei ihr und sie kann darüber verfügen, wie sie möchte. Er soll da bloß nicht zu viel mit dem Geld um sich herum schleudern. Männer haben eh keine Ahnung von Finanzen, Haushaltsführung, ach, am besten nimmt man als Frau von Anfang an alles selbst in die Hand und dann kann auch nichts mehr schief gehen.

Zu guter Letzt: Freundinnen sind heilig. Mit ihnen trifft man sich jede Woche, ganz egal, was ihm gerade vorschwebt. Denn sie braucht ihre Freiheit, wobei wir jetzt wieder beim Punkt wären mit dem Verbieten, Erlauben, Genehmigen und sich-nichts-sagen-lassen.

Die Liste mit den Kriterien füllte sich von Tag zu Tag. Bald fand sie selbst auf ihrer imaginären Liste fast kein Platz mehr. Sie vergaß laufend Sachen und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, welche Punkte für sie noch relevant waren, wenn es um eine Partnerwahl ging.

Doch leider traten nur Kandidaten an, die ihrer nicht würdig waren. Der eine war zu klein, der andere zu dick, der eine zu feinfühlig, der dritte zu sehr Macho, und so ging es ewig weiter und keiner konnte sie zufriedenstellen. Doch sie wollte auf keinen Fall aufgeben. Denn dort, irgendwo, wartete der perfekte Mann auf sie. Ihre einzige Aufgabe war ihn rechtzeitig zu erkennen. Und deshalb eliminierte sie einen Kandidaten nach dem anderen, denn sie war sich sicher, dass keiner von ihnen der Richtige war. Und auf den zu warten, war ihr heilige Lebensaufgabe. Sie wollte nämlich auf keinen Fall so enden wie all ihre Freundinnen. Also, wirklich. Wenn sie das allein schon sah, wurde es ihr ganz schwindlig. Nein, in so einer Beziehung würde sie niemals enden. Sie sah die Männer ihrer Freundinnen an. Darunter wirklich nicht man annährend einer, der ihrem Ideal nahekam. Wenn sie in der Runde saß und einer der Männer sich wieder mal einen Fauxpas leistete, verdrehte sie nur genervt die Augen und meinte: „Also, meinem würde das niemals passieren“ oder „Mein Mann würde sich sowas niemals im Leben leisten“.

Dumm war nur, dass dieser Mann noch gar nicht mit am Tisch saß. Und so distanzierten sich nach und nach einige Freunde von ihr. Die Männer sahen in ihr eine arrogante und selbstverliebte Zicke. Die Frauen waren die Kritik an ihren Männern irgendwann mal leid. Und so saß sie immer öfters allein zuhause und schmollte gegen die ganze Welt. Durch Bars und Diskos wollte sie nicht ziehen, denn dort treffe man eh keinen Gescheiten. Für gehobene kulturelle Ereignisse hatte sie meistens nicht so viel Geld. Und außerdem müsse man sich zu solch einem Event ja passend kleiden! Deshalb zog sie es vor in ihrer Wohnung zu bleiben und den ganzen Tag zu träumen.

Ihre Gedanken drehten sich nur noch um den perfekten Mann. Sie malte sich aus wie er wohl aussehen mag, wo er wohnt, wie er wohnt. Morgens, wenn sie noch im Bett lag, stellte sie sich vor, wie er gerade zur Arbeit fährt. Mittags, wenn sie sich unterwegs einen Burger herunterwürgte, malte sie sich aus, wie er mit seinen Geschäftspartnern gerade irgendwo in den besten Restaurants der Stadt diniert. Abends, wenn sie mit einem Glas Billigrotwein auf der Couch saß, träumte sie vor sich hin, während der Fernseher auf kaum hörbarer Lautstärke lief.

Nachts wälzte sie sich oft im Bett, weil sie es nicht erwarten konnte endlich einzuschlafen. Denn dann hoffte sie, dass sie ihn wenigstens in ihrem Traum sehen wird. Wenn sie mitten in der Nacht aufgewacht ist, konnte sie stundenlang liegen und in die Dunkelheit starren. Vor ihren Augen spielten sich Bilder aus einer parallelen Welt ab, in der sie von ihrem Traummann mit allem versorgt und umsorgt wurde.

Je länger der Mann auf sich warten ließ, umso länger und öfter saß sie in ihrer Traumwelt fest. Bald verschwammen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wenn sie von ihren noch wenigen Freunden eingeladen wurde, gaukelte sie ihnen vor, dass sie heute Abend mit ihrem Freund ausgehen wird. Sie begann sich selbst Geschenke zu kaufen und prahlte damit vor ihren Freundinnen. Sie übernahm im Café die Rechnung für alle, weil sie ja jetzt die Kreditkarte ihres Freundes „uneingeschränkt“ nutzen konnte. Am Wochenende verkroch sie sich zuhause und erzählte ihren Freundinnen aber, sie gehe nach London, Paris oder Berlin zum Shoppen. In ihrer völligen Verzweiflung verstrickte sie sich immer tiefer in Lügengeschichten. Bald forderten die Freundinnen Bilder von ihrem angeblichen Mann. So verbrachte sie die Abende und Nächte damit im Internet nach Bildern zu suchen. Sie freundete sich sogar mit diversen Überarbeitungsprogrammen an, um die Fotos ihren Erzählungen anzupassen. Das nahm ihre ganze freie Zeit in Anspruch und bald ging es soweit, dass sie begann in der Arbeit ständig krank zu machen. Sie nahm sich Urlaub und irgendwann blieb sie einfach unentschuldigt weg. Rechnungen, Mahnungen und ein böser Brief vom Chef flatterten ins Haus rein. Doch sie saß wie gebannt am Computer und bastelte sich dort ihre Welt zusammen.

Und bevor sie endgültig den Verstand verloren hat, fand sie ihn tatsächlich. Den perfekten Mann. Sie traute ihren Augen nicht, aber da stand er – leibhaftig vor ihr, mit all seinen Farben und Facetten. Als wäre er eine Bestellung, die direkt von Gott ausgeführt wurde. Sie klammerte sich wie eine Verrückte an diese Liebe. Sie warf sich in die schönsten Kleider und benahm sich wie eine feine Dame. Sie wollte ihm ja keinen Grund geben, an ihr zu zweifeln. Sie tauchte völlig in diese Liebe ein und ihr Leben begann wieder Gestalt anzunehmen. Lachend und mit einer Schamröte im Gesicht verbrannte sie die alten Fotos, die sie nächtelang am Computer gebastelt hatte. Sie begann wieder Sport zu treiben und sogar ihren alten Job konnte sie zurückgewinnen. Ihr Leben schien perfekt, denn jetzt war auch sie nicht mehr allein, wenn sich der ganze Freundeskreis traf. Der neue Mann an der Seite erfüllte jede einzige ihrer Kriterien und sie konnte ihr Glück kaum fassen. Sie liebte und vergötterte ihn mit jeder Faser ihres Körpers. Die Freundinnen machten erst große Augen, doch dann schauten sie nur noch neidisch zu, wenn er sie sanft umarmte und ihr einen leichten Kuss auf die Haare drückte. In diesen Momenten schmolz sie dahin und vergaß jedoch nicht etwas eingebildet in die Runde zu schauen. Sie wollte es jedem unter die Nase reiben. Jeder einzelner ihrer Freundinnen. Sie saß triumphierend da und präsentierte ihren Hauptgewinn, während ihre Freundinnen sich nun mit ihren derben und einfältigen Männern bis zum Rest des Lebens abgeben müssen. Sie sah die neidischen Blicke und trieb es manchmal mit ihren Sticheleien auf die Spitze. Sie konnte nicht damit aufhören, ihren Prinzen zu präsentieren. Sie verwandelte ihr Leben in eine Show, in der sich alles um seine Liebe zu ihr drehte. Jedes noch so kleine Geschenk, noch so kleine Aufmerksamkeit wurden so aufgeblasen und sofort in die Welt hinausgeschossen, dass selbst der geduldigste Mensch irgendwann mal die Nase von diesen Geschichten voll hatte.

Doch ihr war es egal, was die anderen sagten oder dachten. Sie wusste, dass sie im Grunde einfach nur alle neidisch waren. Denn sie musste zwar lange suchen und Gott weiß wie viele Frösche sie küssen musste, bis sie endlich ihren Prinzen gefunden hat. Aber sie hatte ihn! Das lange Warten, die schlaflosen Nächte, ihre Geduld und der feste Glaube daran, dass es ihn gibt, haben sich endlich ausgezahlt.

Doch wider ihres Erwartens, hielt diese Liebe leider nicht ewig. Denn der perfekte Mann suchte leider die perfekte Frau.

 

Juni 2015

Nach oben