Unser Deutsch ist für sie, wie ihr Arabisch für uns

Ohne die deutsche Sprache kommt man als Ausländer, Aussiedler oder Flüchtling in Deutschland nicht weit. Auch ich musste einst diesen Weg gehen und mir die deutsche Sprache aneignen. Jetzt habe ich schon den Großteil meines Lebens in Deutschland verbracht und mittlerweile ist Deutsch zu meiner zweiten Muttersprache geworden. Ich behaupte nicht, dass ich die Sprache nun perfekt beherrsche, denn das Lernen einer Sprache ist ein lebenslanger Prozess. Immer wieder lerne ich etwas Neues. Aber in der Welt der Sprache bin ich nicht nur Schülerin, sondern mittlerweile auch eine Lehrerin. Das gehört zu einen der Lieblingsaufgaben meines Lebens. Ich liebe das Unterrichten, ich liebe die Atmosphäre, die neuen Menschen, diese Vielfalt an Sprachen, die sich im Raum vermischen, diese Breite an Kulturen... Am liebsten würde ich nichts anderes machen, als jeden Tag an der Tafel zu stehen und zu unterrichten.

Aber ich lerne auch viel von meinen Schülern. Ich lerne sie nicht nur als Menschen und Persönlichkeiten kennen, sondern erfahre viel über Herkunftsland, über ihre Sitten und Bräuche, Essensgewohnheiten, Traditionen und natürlich auch viel über ihre Sprache.

Seit einiger Zeit unterrichte ich an unserer örtlichen Volkshochschule Deutsch für Ausländer. Im November vergangenen Jahres bekam ich eine Anfrage, ob ich mir auch vorstellen kann einen Deutschkurs für Flüchtlinge zu geben. Eine komplett neue Erfahrung für mich! Aber nach langem Überlegen, habe ich endlich eingewilligt - jedoch mit einem ziemlich mulmigen Gefühl.

Die Aufgabenstellung klang wie eine Mission Impossible: Ich bekam einen Unterrichtsraum, eine Liste mit Namen (von denen ich die Hälfte nicht aussprechen konnte) und lediglich neun Wochen Zeit, um meinen Schülern Deutsch bei zubringen : Jeden Freitag gerade mal drei Stunden am Stück inklusive Pausen.

Super. Wo fange ich da an? Welche Themen soll ich ansprechen? Soll ich vielleicht doch nur das "Wesentliche" machen? Das Alphabet? Die Zahlen? Soll ich vier Wochen hintereinander auf Themen herumreiten wie: "Ich heiße so und so und komme aus dem und dem Land"? Oder soll ich einen Crashkurs machen, in dem ich innerhalb von wenigen Wochen alles rein packe, was ich nur kann? Was mache ich???

In meinem Kopf waren unzählige Fragezeichen und in meiner Verzweiflung ich war mehrmals davor zum Hörer zu greifen und meiner Chefin mitzuteilen, dass ich es doch nicht kann. Aber ich gehöre auch nicht zu der Sorte Menschen, die schnell aufgeben. Also – Augen zu und durch!

Die erste Stunde war - na ja, wie soll ich das vorsichtig ausdrücken: Eine Erfahrung. Ich habe die Nacht davor kaum geschlafen. Ich hatte null Ideen und null Plan, was ich mit diesen Menschen drei Stunden lang anstellen soll. Während der Vorbereitung auf meinen Kurs habe ich mit unterschiedlichen Personen gesprochen, die mit Asylbewerbern arbeiten und sich da wirklich gut auskennen. „ Also, du musst dir schon was einfallen lassen, wie du ihre Aufmerksamkeit und ihre Konzentration drei Stunden am Stück aufrechterhalten kannst. Dir ist schon klar, dass es unter ihnen welche sein werden, die noch nie eine Schule besucht haben... Na, wenn du Glück hast, vielleicht drei-vier Klassen.“ - „ Dir ist schon klar, dass einige aus kulturellen oder religiösen Kreisen kommen, wo die Frauen eigentlich nichts zu melden haben. Zeig ja Respekt! Sie lassen sich von einer Frau nichts sagen.“ Diese Sprüche empfand ich damals als nicht gerade hilfreich und das hat mich noch mehr in Panik versetzt. Am Abend vor der ersten Stunde, habe ich ungefähr eine Million Mal auf die Teilnehmerliste geschaut und stellte mich schon auf das Schlimmste ein, denn ich hatte wirklich keine Ahnung was mich erwartet.

Am nächsten Morgen zog ich mich wie gewohnt an – einen Rock und eine Bluse - und verwarf mein Outfit sofort wieder, als in meinem Kopf Bilder von strengen Blicken verärgerter Moslems auftauchten. So, her mit der Jeans und dem weiten Pullover.

Auf dem Weg vom Parkplatz zum Unterrichtsraum, war ich einem Herzinfarkt nahe. Meine Finger waren kalt und zitterten. Ich weiß nicht mal selbst, wovor ich so viel Angst hatte. Angst - das gehört normalerweise nicht zu mir.

Nun kam ich an und da standen sie - meine Schüler. Gerade mal drei. Nach und nach kamen die anderen. Einige schlenderten in einem Machogang rein (zu spät!!!!), plumpsten sich lässig auf die Stühle und musterten mich neugierig. Und da stand ich - mitten in meinem schlimmsten Alptraum. Ich, blonde, junge Frau, eingesperrt in einem Raum mit zehn Männern aus einem ganz anderem Kulturkreis. Männer aus Togo, Eritrea (davor wusste ich nicht einmal wo das liegt), aus Afghanistan, Syrien und der Türkei. Männer, die teilweise aus Ländern stammen, wo Frauen – wie man mich auch gewarnt hat - nichts zu sagen haben und denen man kein Respekt entgegenbringen muss. Einige von Ihnen sahen auf den ersten Blick ziemlich angsteinflößend aus. Und ich dachte mir nur - mach diesen Kurs, überlebe diese neun Wochen irgendwie, denk an dein Honorar, denk daran, dass es irgendwann mal vorbei ist... Augen zu und durch! Vorwärts und mit Gesang!

Die erste Unterrichtseinheit habe ich eigentlich ziemlich gut überstanden. Aber ich war fix und fertig. Mein Kopf drohte zu platzen, denn am schwierigsten war es tatsächlich, ihre Aufmerksamkeit bei mir zu behalten.

In der zweiten Woche hatten sie mich bereits geschafft. Nach den zwei ersten Stunden war ich an diesem Freitag schon so fertig, dass mein Kopf sich so angefühlt hat, als ob er jeden Moment in zwei Hälften zerfällt. Der Unterricht war wirklich eine Herausforderung. Man musste einer Truppe von Leuten, die so gut wie kein Deutsch sprachen, so viele Dinge erklären und das nicht nur auf Deutsch. Wenn ich an meine Grenzen kam, wechselte ich ins Englische, einfach in der Hoffnung, dass die Englischsprechenden das ihren Kollegen übersetzen würden und dass wenigstens die Hälfte der Gruppe versteht, worum es hier gerade geht. Ich erklärte mit aller Kraft und Fantasie. Ich erklärte es mit ganzer Gestik und Mimik, mit Händen, Armen, Füßen und Beinen. Ich machte mich wahrscheinlich total zum Affen an der Tafel, aber ich ließ erst locker, wenn alle Gesichter zufrieden gestrahlt haben und ich mir sicher war, dass alle es verstanden haben.

In der Pause dachte ich krampfhaft darüber nach, was ich in der letzten Stunde noch anstellen könnte. Das Schreiben und Lesen war eins der größten Probleme. Meine Schüler hatten Arabisch, Kurdisch, Farsi, Dari, Ewe (eine afrikanische Sprache aus Togo) und Tigrina (eine afrikanische Sprache aus Eritrea) als ihre Muttersprachen.

Das war alles andere als leicht. Weder für sie noch für mich.

Ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hat, wahrscheinlich herrschte in meinem Kopf gerade eine totale Sonnenfinsternis. Als sie sich alle wieder hingesetzt haben, sagte ich: Erzählt mir etwas über Eure Sprache.

Und ich glaube, das war der Satz, der das Eis gebrochen hat. Plötzlich hatten sie einen Wortschatz drauf! Das war unglaublich. Ich bat sie mir ein paar Sätze in ihrer Sprache beizubringen. Da fast jeder in unserem Kurs Arabisch sprach oder verstanden hat, wurde ich also zunächst mal in Arabisch unterrichtet. Nach einigen Versuchen habe ich nur noch geröchelt und meine Jungs amüsierten sich prächtig, wie ich mich da gerade auf Arabisch blamierte.

Dann bat ich sie mir ihre Schrift zu erklären. Einer nach dem anderen sprangen sie auf, liefen zur Tafel und jeder zeigte mir (Achtung!) wie man Katharina in seiner Muttersprache schreibt. Nicht irgendein Wort, sondern sie zeigten mir meinen Namen in vielen verschiedenen Varianten und erklärten mir, welcher Buchstabe was bedeutet, wie sich Silben zusammensetzen, welcher Buchstabe bzw. Zeichen welchen Laut ergibt und so weiter. Sie redeten alle durcheinander, klatschen sich ab, wenn sie meinten einen Fehler beim anderen entdeckt, sie lachten, sie schimpften, sie brüllten einander irgendwas auf Arabisch zu - es war ein heiles Durcheinander... aber ein tolles Miteinander.

Und während an der Tafel dieser Trubel herrschte, sah ich sie an und dachte, so wie ich mich gerade fühle, so fühlen sie sich Woche für Woche, Tag für Tag. Ich verstand kein Wort von dem was sie zueinander sagten, die Schrift sagte mir genauso viel, wie ein Gekritzel und ich konnte dort weder Buchstaben, noch Silben, noch Wörter identifizieren. Ich stand nur daneben und schaute nur fragend. Und dann wurde mir klar: So wie ich ihr Arabisch sehe, so sehen sie mein Deutsch.

Wir regen uns manchmal über Menschen auf, die unsere Sprache nicht sprechen können. Dabei haben wir uns wahrscheinlich nie gefragt, wie das ist, wenn man plötzlich eine komplett neue Sprache lernen muss. Eine Sprache, die sich in der Schrift, in der Grammatik, in der Aussprache, auf so vielen Ebenen von der eigenen Muttersprache unterscheidet. Eine Sprache, wie aus einem anderen Universum gegriffen. Eine Sprache deren Grammatik, Schrift, Aussprache komplett keine Logik und keinen Sinn ergibt. Aber man muss sie lernen, denn ohne sie ist man verloren.

In meinem Leben habe ich schon oft neue Sprachen lernen müssen. Und jedes Mal habe ich versucht zu verstehen, warum diese Sprachen so sind wie sie sind. Warum sie so und nicht anders funktionieren. Nach einer Logik, nach einem Muster, nach einer Struktur gesucht. Das ist wohl auch der Grund, warum ich in der Sprachwissenschaft gelandet bin. Hinter einer Sprache steckt für mich mehr, als nur ein Wortschatz und Grammatik. 

In der zweiten Klasse, damals in meiner alten Heimat Karelien, habe ich begonnen Deutsch als Fremdsprache zu lernen. In meinem letzten Schuljahr in Russland, als ich die fünfte Klasse besucht habe, nahm ich freiwillig noch Finnisch dazu. In Deutschland musste ich Englisch und Französisch lernen. Ich entschied mich für Portugiesisch, Italienisch und Polnisch an der Uni. Sogar an Chinesisch habe ich mich mal probiert. Aber wahrscheinlich habe ich das schon zu sehr vergessen und verdrängt, wie es ist, eine neue Sprache zu lernen. Und nun haben meine Schüler mich wieder dran erinnert. Durch diese Aktion an der Tafel, konnte ich nachfühlen, wie es ihnen geht. Seit diesem Tag hat sich in unserer Gruppe etwas verändert. Wir machten einen Deal: Bis zum Ende des Kurses sollen sie Deutsch sprechen lernen und ich Arabisch. Der Kurs ist leider schon längst vorbei, doch mein Arabisch lässt noch zu wünschen übrig. Und ich glaube es ist fair, wenn ich an dieser Stelle offiziell meine sprachliche Niederlage eingestehe.

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