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Dabei will ich doch nur schreiben... (17.06.2018 20:36:53)

Dieses Werk entfachte in mir eine schon längst vergessene Wut und jetzt ist diese Wut so stark, dass ich sie nicht mehr unterdrücken kann oder will. Soll sie ruhig in die Welt hinausfließen und sich ausbreiten. Sollen die Leute wieder den Kopf schütteln und die Nase über mich rümpfen. Ist mir sowas von gleichgültig. Aber ich will meine Wut nicht mehr verstecken und so tun, als wäre alles wunderbar und als sei alles an seinem richtigen Platz. Von wegen! 

Habt ihr euch schon mal Gedanken über Bücher, Gedichte, Romane, Essays, Schriftsteller und Dichter gemacht? Über dieses scheinbar unendliche Literaturuniversum? Ich ganz oft. Weil ich so oft wütend werde. Aber im Stillen. Wenn ich morgens den Kaffee trinke und anstatt Gedichte über die Liebe und das Leben zu schreiben, mich durch sinnlose Arbeitsemails kämpfen muss. Ich werde wütend, wenn ich abends, nachdem die Kinder ins Bett gegangen sind, eine Erzählung, die schon wochenlang in meinem Kopf herumschwirrt gerne aufschreiben würde, aber stattdessen mich mit den trockenen Unterlagen unterschiedlicher Projekte auseinandersetzen muss. Ich werde wahnsinnig wütend, wenn mich im Schlaf die Muse küsst und ich um drei Uhr morgens eine spannende Geschichte aufschreiben möchte, aber das nicht tun sollte, weil ich ja morgens früh aufstehen und den ganzen Tag funktionieren muss. Warum? Weil ich eine Sklavin dieser Gesellschaft bin und gewissenhaft meinen Alltagsverpflichtungen nachgehen muss. Ich muss arbeiten, Steuer zahlen, ganze Berge von Papieren ausfüllen, die doch sowieso in den staubigen Regalen der Behörden landen und nie wieder angeschaut werden. Und dabei will ich doch einfach nur schreiben! Und das macht mich wütend, ständig dieses Bedürfnis, diesen inneren Drang unterdrücken zu müssen, weil ich eigentlich nur schreiben will, aber stattdessen den ganzen Tag mit anderen Sachen beschäftigt bin. Beschäftigt sein muss, weil ich ja eine gute Bürgerin bin, eine zuverlässige Mitarbeiterin, eine aufmerksame Kollegin, eine engagierte Russlanddeutsche, eine gute Mutter und Frau… Oh, Gott Allmächtiger im Himmel! Ich muss so vieles tun und sein, aber darf dafür so selten schreiben! Das ist nicht fair! Mir wird von allen Seiten eingetrichtert, dass ich viel schreiben sollte, um besser zu werden, dass ich publizieren sollte, mich als Autorin weiter entwickeln muss. Und die Nichtschreibenden möchten unbedingt wissen, wann nun mein erstes Buch rauskommt. Ist ja alles berechtigt, aber wie? Wie um alles in der Welt soll ich das unter einen Hut bringen? Wie soll ich das bewältigen? Die Zeit dazu finden? Die Kraft? Das Geld? 

Ich würde nichts lieber tun, als den ganzen Tag nur zu schreiben. Mich in meinem Büro einzusperren und zu schreiben. Als wir dieses Haus gefunden haben, habe ich mich am meisten auf mein Büro gefreut. Ein eigenes Arbeitszimmer! Ganz wie bei Virginia Woolf - Ein Zimmer für sich allein. Ich war so überzeugt, dass wenn ich ein eigenes Arbeitszimmer habe, die Sache endlich vorankommen wird. Dann habe ich Platz. Die passende Atmosphäre. Mein eigenes Reich, wo sonst keiner reinkommt, wo keiner mich stören kann. Als der Platz da war, fehlte mir plötzlich die Zeit. Vergangenes Jahr glich ich einem Hamster, der wie ein Verrückter in seinem Rad mit Lichtgeschwindigkeit Runden dreht. Also musste ich mir etwas Zeit frei machen. Das stieß aber nicht bei allem auf Verständnis. „Wie, du machst nichts mehr?“ Große Empörung, Vorwurf-Tsunamis, die mich fast täglich überrollt haben. Aber auch das schlimmste Unwetter kann man überleben. 
Und als ich endlich Platz und Zeit hatte, fehlte mir das Geld. Ja, liebe Freunde. Leider habe ich ausgeblendet, dass man trotz seiner großen Leidenschaft zum Schreiben, das Bedürfnis nach Essen und den Wunsch nach einem Dach über den Kopf nicht abschalten kann. Und um Geld zu haben, muss man arbeiten. Und um arbeiten zu können, braucht man Zeit. Ein Teufelskreis. 

Habt ihr euch schon mal Gedanken darüber gemacht, wie viele begnadete Dichter und Schriftsteller vielleicht schon beim Einräumen von Einkaufsregalen oder am Fließband einfach zugrunde gegangen sind? Dass sie niemals die Chance hatten, ihr Talent zu zeigen? Weil sie nicht wussten wie. Weil sie keinen Anschluss hatten. Weil sie in ihrem Leben nichts veröffentlichen konnten. Weil sie kein Zimmer für sich allein hatten. Oder keine Zeit, weil sie arbeiten und eine Familie ernähren mussten. Oder keine Kraft, weil die Arbeit in der Fabrik vieles abverlangt. Oder weil man als Frau am Herd und mit Kind im Arm am Abend einfach keine Energie mehr zum Schreiben hat. Damit will ich nicht behaupten, dass ich außerordentlich talentiert oder begnadet bin. Nein, ganz und gar nicht. Was ich damit sagen will ist, warum können wir in unserem Leben nicht damit Geld verdienen, was uns glücklich macht und erfüllt? Warum ist eine Arbeit mehr wert als andere? Warum werden manche Berufe besser angesehen und besser bezahlt als andere, obwohl das überhaupt nicht gerechtfertigt ist! Warum zählt so oft nicht die Leistung, sondern irgendein Papier? 

„Wer will, der schafft das schon!“, höre ich manche sagen. Aber es liegt nicht immer alles nur an uns. Man kann noch so viel wollen, tun, drängen, versuchen. Die Gesellschaft in der wir leben, spielt eine große Rolle. Oder wollen Sie mir ernsthaft erzählen, dass in manchen Ländern es keine einzige schreibende Frau gibt? Die Lebensbedingungen spielen eine Rolle. Was nützt mir mein Gedicht, wenn meine Kinder nichts zu essen haben? Die familiären Bedingungen spielen eine Rolle, der Freundeskreis, die Arbeitsbedingungen, die Zugangsmöglichkeiten zum Publizieren, usw. Ich könnte die Liste ewig fortführen. Und dann bleibt dennoch die Frage, wie schaffen es die anderen? Außerordentliches Talent? Zur rechten Zeit am rechten Ort? Göttliche Fügung? Förderer und Sponsoren? 

Ach, wozu über andere nachdenken und sich selbst die Laune verderben. Ich für meinen Teil freue mich, dass die Welt uns so viele großartige Schriftsteller geschenkt hat. Denn ohne sie hätte ich diese Liebe zur Literatur und diese Leidenschaft zum Schreiben nicht entwickelt. Was bringt es da neidisch zu werden, sich selbst zu quälen und zu fragen, warum man es nicht schafft das verdammte Manuskript fertig zu stellen? 

...und dann die letzten Worte eines Beitrages fertig schreibt und sich wieder in die Alltagsverpflichtungen stürzt. Weil man(n), besser gesagt Frau, ja vom Schreiben nicht leben kann.

 

 


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Kommentare

 
AW: Dabei will ich doch nur schreiben...
Geschrieben am 10.07.2018 08:20:21 von Irina Peter

Sehr schön geschrieben. Das Buch steht seit dem Studium in meinem Regal. Und auch ich sehne mich nach einem eigenen Zimmer mit Tür. Ein Zimmer, das geschützt ist vom Lärm der Außenwelt, Anrufen und Emails. Ein Zimmer, das mir die Zeit schenkt zu schreiben über das, was mir schon so lange am Herzen liegt. Wir müssen uns diese Zimmer selbst bauen und sie verteidigen - komme was wolle.
 
 
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