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„Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“ Jean Paul Sartre (24.08.2018 07:24:14)

„Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“ Jean Paul Sartre 

Als mein Sohn sich vor zwei Monaten den Arm gebrochen hat - und das auch noch an einem Sonntag, fuhren wir sofort in die Notaufnahme. Dort war - wie sollte es auch anders sein - die Hölle los. Doch schlimmer als die Wartezeit und das schmerzverzerrte Gesicht meines Sohnes, waren die anderen Patienten. 

Andere Patienten, die meinten, sie hätten die schlimmsten Schmerzen, sie hätten irgendwelches Vorrangsrecht, sie sollten nicht so lange wie die anderen warten und die meinten jeden vorbeikommenden Arzt oder Ärztin bzw. Krankenschwester oder Assistenten zusammenpfeifen und ihnen ihren Unmut kundtun zu müssen. 

Als wir bereits vor dem Röntgenzimmer saßen, lief ein junger Arzt den Flur entlang. Er hatte sich sichtlich beeilt. Das ältere Paar, das neben uns wartete, ließ es sich nicht nehmen den jungen Mann aufzuhalten und ihren ganzen Ärger über die „ewige Wartezeit“ auslassen zu müssen. (Während ich wahrscheinlich denen schon in die Fresse gehauen hätte, allein für ihren unverschämten Ton), blieb der junge Arzt sehr ruhig. Er erklärte freundlich und geduldig, dass er leider nichts dazu sagen kann, wie lange sie noch warten müssen. Er sei Chirurg und eilt gerade zu einer anderen Station. Er bat das Paar um noch ein wenig Geduld und erklärte, dass sie heute einfach zu wenige Leute in der Klinik sind. Woraufhin er sich vorsichtig verabschiedete und davon eilte. 

Das ältere Paar regte sich daraufhin noch minutenlang auf über die „Unverschämtheit“, „Personalmangel“, „schlechte Dienstplanung“, und weiß Gott was noch. In mir brodelte es langsam hoch. Ich versuchte ihre Ausführungen zu ignorieren. Es war Sonntag. Es war die Notaufnahme. 
Ja, wir haben zu wenig Ärzte und Ärztinnen. Zu wenig Krankenpfleger und Krankenschwester. Aber auch zu wenige Polizisten, zu wenig Feuerwehrmänner, zu wenig Erzieher und ihr, liebe Leser, habt in den letzten Tagen auch ganz bestimmt davon gehört, dass wir ab dem kommenden Schuljahr einen akuten Lehrermangel haben werden. Soweit sind wir schon. Traurig. 

Aber dafür haben wir heutzutage unzählige Blogger, YouTube-Stars, Insta-Models und sonstige total nützliche Berufe. Wer von den jungen Leuten will heutzutage schon Bäcker, Verkäufer oder Automechaniker werden? Pffff. Braucht kein Mensch. Sie hängen nur an ihren Smartphones, saugen den Blödsinn aus den Sozialen Netzwerken auf, lesen Beiträge darüber, wie viel die YouTube- und Instagram-Stars verdienen und wenn sie nach Hause kommen und ihre erschöpften Eltern auf der Couch sehen, die in einem Jahr so viel verdienen, wie ein Social Media-Star für ein Selfie, dann ist doch klar, dass ihnen die Lust vergeht einen gängigen Beruf zu erlernen. Wir haben eine Generation großgezogen, in der jeder davon träumt irgendein Star zu werden und für Nichtstun Geld zu verdienen. Ehrliche Arbeit - braucht heutzutage kein Mensch bzw. sie wird eh nicht anständig entlohnt. Ich weiß, wovon ich spreche. 

Ich sehe schon die Besserwisser und die Verteidiger der Sozialen Medien auf mich zustürmen und mich mit Hasstiraden überschütten, dann heißt es wieder, ich sei nur neidisch. Nein, es ist kein Neid. Das ist schon mittlerweile Hass. Richtiger Hass.

Hass auf unsere Gesellschaft, die es soweit kommen ließ. Hass auf unsere Politiker, die es nicht schaffen, dass in gewissen Branchen die Menschen für ihre Arbeit anständig bezahlt werden und verbesserte Arbeitsbedingungen haben, damit diese Berufe attraktiver werden. Unternehmen, die ihre Arbeitskräfte ausbeuten und ausnehmen und keiner unternimmt etwas dagegen. Wer will sich schon mit den kleinen, ehrlich arbeitenden Leutchen plagen? Hass auf all diejenigen, die es verpasst haben, der jungen Generation Werte und Wissen zu vermitteln. Hass auf Eltern, die ihre Kinder nicht erziehen, sondern wie verwilderte Pflanzen neben sich aufwachsen lassen. Mütter, die lieber im Monat zehn Schachteln Zigaretten kaufen, anstatt ihr Kind zur Musikschule zu bringen. Väter, die lieber saufen und zocken, anstatt mit ihren Kindern Fußball zu spielen. Hass auf all die, die ihr ganzes Leben in digitaler Technik und auf den Weiten des Internets abspielen lassen, anstatt sich und die Förderung und Erziehung der nachkommenden Generationen zu kümmern. Hass auf all diejenigen, die diese Entwicklung noch fördern. Die bereit sind, irgendeinem YouTube-Star fünfzig Euro in den Hintern zu schieben, aber den Bauer um die Ecke wegen zwanzig Cent drücken. 

Es ist ein Vorwurf an uns alle. 

Wir müssen etwas verändern, bevor der große Knall kommt. Smartphones, Internet, Soziale Medien - alles schön und gut, aber das richtige Leben findet auf der anderen Seite statt! Wir brauchen Menschen, die uns morgens die Brötchen backen und dafür mitten in der Nacht aufstehen. Wir brauchen dringen Menschen, die uns versorgen, wenn wir krank sind und bereit sind Dienste am Wochenende und den Feiertagen zu schieben. Wir brauchen Menschen, die uns die Autos reparieren und sich nicht davor scheuen die Hände dreckig zu machen. Wir brauchen Menschen, die uns Straßen und Häuser bauen und auch mal anpacken können. Wir brauchen Lehrer, die unseren Kindern Werte und Wissen vermitteln. Wir brauchen Altenpfleger, Erzieher, Feuerwehrmänner, Polizisten, Richter, Anwälte, und, und, und… Wir brauchen echte Menschen, die unser Leben mitgestalten und die unser Leben erst lebenswert machen. 

Bringt doch diesen Berufen und den Menschen etwas mehr Wertschätzung und Respekt entgegen. Wenn ihr krank seid, dann wird euch der YouTube-Star mit seinen Videos nicht helfen können. Wenn ihr Hunger habt, dann braucht ihr jemanden, der die Nahrungsmittel produziert, jemanden der sie ausliefert, der sie lagert, sortiert und verkauft. Wenn ihr Hunger habt, werdet ihr von dem Foto eines halbnackten Insta-Models nicht satt. Wenn euer Haus brennt, dann werden euch keine Blogger-Tipps der Welt helfen. Und ich könnte meine Reihe ewig fortführen. 

Ich möchte nicht behaupten, dass wir keine Blogger, keine YouTube-Stars und keine Insta-Models brauchen. Unterhaltung muss auch sein. Zweifelsohne. Aber wir müssen ein gesundes Verhältnis schaffen. Ein Gleichgewicht, damit wir nicht weiter in Engpass kommen. 

Genug der Worte. Abschließen möchte ich mit einem Danke. An alle Menschen, die den Wert und die Bedeutung der „normalen“ Berufe heutzutage noch zu schätzen wissen. Die bereits sind, diese Berufe zu erlernen und auszuüben. Ihr seid die wahren Stars unserer Gesellschaft.

 

 

 

 

 


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