Blog

28. August 1941 (29.08.2018 07:15:14)

Gestern war ein bedeutender Tag für alle Russlanddeutschen. Ein schwarzer Tag. Ein Tag, der schmerzvolle Erinnerungen hervorruft. Meine Facebook-Timeline war voll mit Beiträgen zu diesem Datum. Eigentlich wollte ich auch etwas posten. Und habe es dann doch nicht getan. Bin ich nicht dazu gekommen? Wollte ich es nicht? Habe ich diesem Datum etwa nicht die nötige Beachtung geschenkt. Oh, doch. Aber ein Satz, den ich gestern hier auf Facebook bezüglich dieses Datums gelesen habe, ließ mich nachdenken. Schöne Worte einer großartigen jungen Frau, die ich vor Kurzem kennenlernen und interviewen durfte: „Nicht allein am heutigen Gedenktag sollten wir Russlanddeutschen uns an unsere Groß- und Urgroßeltern erinnern, die in dieser Zeit alles verloren hatten, manche sogar ihr Leben.“, schreibt Ira Peter in ihrem Beitrag. Wie recht sie hat. Wir sollten uns viel öfter daran erinnern. Viel öfter darüber sprechen. Viel öfter anderen darüber erzählen. Unseren Kindern darüber erzählen, damit sie wissen, woher sie kommen. Uns nicht nur auf einen Tag im Jahr beschränken, um uns daran zu erinnern, wer wir sind. 

Deswegen ließ ich es gestern sein und dachte, ich kann ja auch morgen darüber schreiben. Oder übermorgen. Oder auch nächste Woche. Vielleicht sollte ich es auch. 

28. August 1941: Erlass zur Zwangsumsiedlung. Viele Menschen betrachten dieses Datum als den Beginn des Leidensweges der Deutschen aus Russland. Nein, dieser Leidensweg hat schon viel früher begonnen. Nur hat an diesem Tag dieses Leiden für unser Volk ganz neue Dimensionen erreicht und die Deutschen auch im letzten Eckchen der Sowjetunion getroffen. 

Der Leidenswegs meiner Familie begann bereits am 1. Juli 1936, als meine achtjährige Oma in ein Viehwaggon gesperrt und aus dem blühenden Wolhynien in die Steppe Kasachstans deportiert wurde. Zwei Wochen lang dauerte die Reise in stickigen Waggons. 

Wie die Geschichte weiter ging, das könnt ihr euch denken. 

„Obwohl alles dagegen sprach, haben meine Großeltern überlebt: die Deportation, den Gulag, jahrzehntelanges Eingesperrtsein in einer Sondersiedlung inmitten der nordkasachischen Steppe. Diese Menschen hatten nichts und gleichzeitig alles, um zu überleben: Liebe, Hoffnung, Mut und Vertrauen.“, schreibt Ira Peter. Ich könnte jedes ihrer Worte unterschreiben. Das Schicksal ihrer Großeltern hört sich genau so an wie das der meiner. Und doch ist die Lebensgeschichte ihrer Großeltern einzigartig, so wie die Lebensgeschichte meiner Großeltern auch einzigartig ist. Sie dürfen nicht zur trockenen Statistik werden. Jeder einzelne von ihnen war ein lebendiger Mensch mit Träumen, Wünschen, Hoffnungen, erfüllt von Liebe zu seiner Familie, Streben nach einer besseren Zukunft. Diese Menschen wollten lieben, arbeiten, streben und leben. Jahrzehntelang hat man ihnen alles verwehrt. Mit dem Finger auf sie gezeigt, sie zu Feinden gemacht, sie diskriminiert, erniedrigt und gedemütigt. Und dennoch… 

Abschließen möchte ich damit, dass ich mich den Worten von Ira anschließe: „Danke, dass ihr so stark wart.“ 

Danke. Ja, ohne eure Stärke, euren Glauben, euren Überlebenswillen, würde es uns heute nicht geben. 

Danke, Danke, auf ewig Danke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bewertung: (1.00 Punkt(e) / 1 Bewertung(en))

 
 
Kommentare

 
Keine Kommentare vorhanden.
 
 
Kommentar verfassen
 
Name:
E-Mail:
Betreff:
Kommentar :
 
 

Nach oben