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Die stille Bank (03.09.2018 12:05:55)

Habt ihr euch schon darüber Gedanken gemacht, dass unser Leben um einiges schöner wäre, wenn wir weniger „müssten“ und mehr „wollen“ würden? Wenn ich so um mich höre, dann fällt mir auf, dass die Menschen um mich herum immer die gleichen Formulierungen verwenden, wenn sie von ihrem Leben erzählen:

Ich muss arbeiten.
Ich muss die Kinder in die Schule und zu den Freizeitaktivitäten bringen.
Ich muss kochen.
Ich muss dies…
Ich muss das…

Müssen kann manchmal so anstrengend sein. Und doch lassen wir es ständig zu. Anstatt zu sagen: Ich möchte arbeiten, weil ich mir dadurch einen gewissen Lebensstandard leisten kann, weil ich meine Arbeit gern mache, weil mir meine Arbeit Spaß macht, weil ich dadurch einen Nutzen bringe… - Ich möchte meine Kinder zur Schule fahren, weil ich glücklich darüber bin, dass sie die Chance auf Bildung haben. Auf Bildung in gut ausgestatteten Schulen, die weder zerstört, noch zerbombt sind. Dass meine Tochter die gleichen Chancen auf Bildung hat wie mein Sohn. Dass meine Kinder neben der Schule so viele Möglichkeiten haben sich weiter zu entwickeln und gefördert zu werden… - Ich möchte etwas für meine Familie kochen, weil ich dankbar dafür bin, dass wir uns ums Essen keine Gedanken machen müssen. Dass wir das Privileg haben, wählerisch zu sein, was das Essen angeht. Dass unsere Supermärkte vor Lebensmittel platzen und wir uns keine Gedanken darüber machen müssen, ob das Essen auch tatsächlich reicht. Dass ich Lebensmittel, wie Obst und Gemüse z.B., ganz unkompliziert kaufen und nicht erst anbauen, ernten oder gewisse Lebensmittel mir selbst erstmal mühsam herstellen muss… - Ich möchte das alles tun, weil es zu meinem Leben dazu gehört. Weil ich keinen Grund habe, mich zu beschweren, mit den Augen zu rollen und zu klagen, wie schlecht es mir geht. Hier in Deutschland schon gar nicht. 

Wenn wir in den Urlaub fahren, dann „muss“ ich eine bestimmte Sache aber immer tun. Ich muss das machen, weil ich das will. Am ersten Morgen im Urlaub stehe ich immer sehr früh auf und gehe ein wenig spazieren. Ganz allein, während meine Familie noch schläft. Meine Liebsten haben absolut nichts dagegen, denn um fünf Uhr morgens durch die Gegend zu streunen, so wie ich es gerne mache - da bleiben sie lieber im gemütlichen Bettchen liegen. Ich entferne mich nie weit von ihnen, mir geht es nur um ein wenig Zeit mit mir selbst. 

Meistens gehe ich ans Wasser. Es gibt nichts schöneres, wenn die ganze Welt noch schläft, um mich herum alles so still ist, keine Menschenstimmen die morgendliche Ruhe stören. Auch die Natur ist ganz anders am frühen Morgen, die Vögel, die Insekten und die Kleintiere, die man unterwegs so antrifft verhalten sich auch ganz anders, wenn sie sich nicht von Menschen beobachtet fühlen. Mich ignorieren sie komischerweise. Wahrscheinlich weil sie spüren, dass ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin. Oder weil ich mich gut verstellen kann, dass ich unauffällig bleibe oder ihnen nicht das Gefühl gebe, ich könnte ihnen gefährlich werden oder sie irgendwie stören. Ja, die ganze Welt ist ganz anders, wenn keine Menschen da sind. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl mitten in dieser Stille zu sein und nachdenken zu können. 

Ich laufe morgens hinaus und komme an diese kleine Bank, die am Ufer des Sees steht. Es ist so friedlich und still, dass ich es kaum wage zu atmen, weil das schon zu laut sein könnte. Diese Bank verstrahlt eine unglaubliche Ruhe. Sie ist so einladend. Der See ist still, seine Oberfläche unbeweglich. Nur hin und wieder springen kleine Fische aus dem Wasser, als würden sie mich begrüßen wollen. Am Himmel ziehen Vogelschwärme vorbei. Wenn die Menschen noch schlafen, keine Autos durch die Gegend fahren, alles menschliche still zu stehen scheint, dann nimmt man erst die Geräusche der Natur richtig wahr, die tagsüber so oft von uns übertönt werden. 

Ich sitze eine Weile auf der Bank und denke über das vergangene Jahr, die vergangenen Monate und Wochen nach. Für eine Weile werde ich wütend, weil so vieles schief gelaufen ist. Dann überkommt mich eine seltsame Traurigkeit, weil ich so vieles nicht machen konnte und plötzlich das Gefühl bekomme, so vieles verpasst zu haben. Im nächsten Moment fühle ich mich unglaublich allein und einsam, hier auf dieser Bank, am Ufer des Sees, während meine Familie noch friedlich döst und niemand auf dieser Welt nur annähernd eine Ahnung hat, was in mir vorgeht. Wie lange ich dort sitzen bleibe, das kann ich nicht sagen. Ich habe mittlerweile schon jegliches Zeitgefühl verloren. Und noch sucht ja niemand nach mir. Die Bank möchte mehr wissen, jedes einzelne Detail, als möchte sie mir alle Sorgen nehmen, mich von meiner Last befreien. Bevor ich sie verlasse, um meinen Spaziergang am See fortzusetzen, spüre ich eine große Erleichterung. Es scheint, als hätte eine unsichtbare Kraft all meine Sorgen und Probleme der letzten Monaten mitgenommen und sie in die Gewässer des stillen Sees gelegt, wo sie sich einfach aufgelöst haben. Nun möchte ich weitergehen... 

Ich verabschiede mich von der Bank und nehme mir vor innerlich immer wieder an diesen magischen Ort zurückzukehren, in meinen Gedanken, jedes Mal, wenn mich die Alltagssorgen überrollen werden. Das wird mein ganz persönlicher Zufluchtsort sein, wenn mir die Welt wieder einmal zu viel wird und die Menschen mich nur noch anstrengen. 

Und wenn sich jemand mal dazu gesellen möchte, kann er oder sie das gerne tun. Auf dieser Bank ist genug Platz...

 

 

 

 

 

 


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