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GULAG war eine gute Sache (08.12.2018 02:33:29)

GULAG WAR EINE GUTE SACHE 

oder ICH, DIE URENKELIN EINES VERBRECHERS 

„Ich bin der Überzeugung, dass stalinistische Repressionen gerechtfertigt waren. Viele sagen, dass die Leute ohne Grund verhaftet und erschossen wurden. Doch in Wirklichkeit gab es viele, die dem Land schaden wollten.“ 

Ich lese diese Zeilen auf einem Internetportal und mir wird ganz schwarz vor Augen. Diese Worte kommen aus dem Munde einer 18-jährigen Schülerin aus Russland, die der festen Überzeugung ist, dass „nur die bestraft, verhaftet und erschossen wurden, die es auch verdient hätten“.

„Ende der 20er Jahre wollten die Kulaken (Bezeichnung für wohlhabende Bauer) sich nicht an der Kollektivierung beteiligen und haben gezielt viel Schaden angerichtet, damit keiner ihr Hab und Gut bekommt. Nach dem Krieg gab es auch viele Repressierte in den Gebieten, die von Deutschen besetzt waren, weil es dort viele Verräter gab, die den Feinden geholfen oder sie versteckt haben“, erklärt das Mädchen. 

Doch das ist noch nicht alles an sinnvollen Erklärungen, es kommt noch besser: Ein weiterer fünfzehnjähriger Schüler meint, dass viele Filme und Sender die Realität der Sowjetzeit verzerren würden. 

„Eine richtige Meinung über jene Zeit hätte man sich nur dann bilden können, wenn man damals gelebt hätte - und sich nicht, wie heute, von irgendwelchen Serien oder Filmen beeinflussen lassen würde, die zeigen, dass NKWD-Mitglieder nachts kamen und die Menschen abgeholt haben. Meine Großmutter und ihre Eltern lebten friedlich in der UdSSR. Sie haben fleißig gearbeitet und keiner hat sie abgeholt. Heute wird in den Filmen gezeigt, dass die Menschen, die in Kriegsgefangenschaft kamen als Verräter galten. Das stimmt nicht. Sie kamen zurück und haben ganz normal weiter gearbeitet“, ist der junge Kommunist überzeugt. 

Oh, da kenne ich aber andere Geschichten. Aber lesen wir mal weiter. Vielleicht gibt es unter ihnen jemanden mit Hirn: 

„Wenn Stalin jemanden in die Verbannung geschickt hat, dann hatte es seinen Grund“, erklärt ein anderer Schüler. „Die Repressionen in der UdSSR waren ja noch recht human.“ 

Das habe ich jetzt nicht wirklich gelesen oder? Hirn - Fehlanzeige. 

„Ich habe eine positive Einstellung zu Lenin und Stalin. Die stalinistischen Repressionen empfinde ich auch als positiv - wenn jemand ins Lager geschickt wurde, dann hatte es schon seinen Grund. Dann hat dieser Mensch tatsächlich etwas angestellt. In China z.B. wurden die Menschen gleich erschossen. In der Sowjetunion waren die Methoden viel humaner: Die Menschen wurden zum Arbeiten geschickt, damit sie etwas für die Gesellschaft und Gemeinschaft tun. Wenn Stalin jemanden ins Lager geschickt hat, dann hatte es einen Grund. Ich würde an seiner Stelle wahrscheinlich auch so handeln“, erklärt ein 19-jähriger Aktivist. 

„Gulag war in Wirklichkeit eine gute Sache“, meint ein 23-jähriger Kommunist, der sogar vorgeschlagen hat, den Flughafen in seiner Stadt nach Josef Stalin zu benennen. „Die Menschen wurden zum Arbeiten geschickt - sie haben der Gemeinschaft einen Nutzen gebracht. Heute sind die Häftlinge nur Vergewaltiger und Mörder - die gammeln rum und bringen keinen Nutzen. Und wir verschwenden jede Menge Gelder, um sie zu unterhalten.“ 

Jetzt hat sogar schon mein Hirn kapituliert. 

„Es gab natürlich Fälle, wo es ein bisschen übertrieben wurde…“

…ein bisschen? Gott, wir brauchen dringend nicht nur Hirn, sondern auch intensiven Geschichtsunterricht, Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, viele Gedenkstätten und noch ganz viele Zeitzeugen-Gespräche!!! 

„…doch in meisten Fällen, waren die Anschuldigungen gerechtfertigt. Viele Möchtegern-Historiker verdrehen die Daten und Fakten, wenn es um stalinistische Repressionen geht. Das alles wird so oft verzerrt. Aber als Vergleich: Zur Stalinzeit gab es mehr Rechtsprechungen als jetzt.“

Applaus. Was für eine Aussage. Und wie viele Anschuldigungen gab es noch mal?

„Ich verteidige die Repressionen nicht, es gab natürlich auch Fälle, wo die Anschuldigungen falsch waren, doch in den meisten Fällen waren sie gerechtfertigt - und das dürfen wir nicht leugnen.“ 

Fassungslos. Sprachlos. Machtlos. 

******* 
Nachtrag: 

Es existieren tatsächlich unterschiedliche Daten und Fakten zu den Zahlen der Opfer stalinistischer Repressionen. Dem politischen Terror sind viele Menschen zum Opfer gefallen: Bauern, Kosaken, Intellektuelle, eigene Militärangehörige und Kriegsgefangene, Geistliche, nationale und kulturelle Minderheiten, Ausländer, usw. 

Laut der Seite, auf der die Interviews veröffentlicht wurden, sind während des Stalinregimes repressiert worden:
5 Millionen Bauern (Kulaken)
2,6 Millionen Minderheiten 
1,8 Millionen Kriegsgefangene 
3,5 Millionen einfache Bürger, 
usw. 

von 1921 bis 1953 wurden vom NKWD verhaftet: 
5,9 Millionen 
4,1 davon wurden als schuldig gesprochen
800 000 hingerichtet 

Insgesamt wurden zur Zeit der Sowjetregimes (inkl. Bürgerkrieg) 15 bis 32 Millionen Menschen verfolgt und repressiert. 

PS: Ich bin die Urenkelin eines Verbrechens. Mein Urgroßvater war ein wohlhabender Bauer. Er war Finne. Er hat die Sowjets wohl zum Teufel geschickt, als sie ihn zur Kollektivierung zwingen wollten. 
Er wurde am 18. Februar 1938 verhaftet. Beschuldigt nach Artikel 58 Abs. 10 des Strafgesetzbuches des Höllenstaates: „Propaganda oder Agitation, die zu Sturz, Unterhöhlung oder Schwächung der Sowjetherrschaft oder zur Begehung einzelner gegenrevolutionärer Verbrechen (Art. 582–589 dieses Gesetzbuches) auffordern, sowie Verbreitung, Herstellung oder Aufbewahrung von Schriften gleichen Inhalts werden mit den Strafmaßnahmen aus Artikel 58.2 geahndet.“
Am 25. Juni 1938 verurteilt, schuldig gesprochen und am 8. Juli 1938 hingerichtet. 

Ja, ich bin die Urenkelin eines Verbrechers. Und ich bin stolz darauf. 
Ich werde nicht vergessen, nicht verzeihen und nie aufhören darüber zu sprechen. Im Namen meines finnischen Urgroßvaters Simo Virolainen nicht. Im Namen meines deutschen Urgroßvaters Ewald Nickel nicht. Im Namen all meiner Verwandten, die von diesem Wahnsinn betroffen wurde.

Niemals. Solange es noch solche elendigen Gestalten gibt, welche die „guten Taten“ des Stalinsregimes beschönigen, rechtfertigen und gutheißen. Ihr, Stalin-Verherrlicher: Irgendwann werdet ihr euer Idol in der Hölle treffen. Dort ist genug Platz für euch alle.


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