Familie Nickel

Dieses Bild zeigt die Familie Nickel. Hinten links steht mein Urgroßvater Ewald Nickel, Sohn von Pauline Nickel, geb. 1895. Neben ihm steht sein Cousin (vermutlich) Reinhold. Das kleine Kind in der Mitte ist meine Großmutter Linda Nickel (später verheiratete Martin), v.l.: Ihre Schwester Erna, ihre Mutter Alwina, rechts von ihr ihre Großmutter Albertina Lerke und ihre Schwester Lydia. Vorne sitzt ihr großer Bruder Robert. Sie lebten im Dorf Dubowaja, in Wolhynien, im westlichen Teil der Ukraine. Großmutter erzählte, dass an ihrem Dorf der Fluss Slutsch vorbeifloss. Sie hatte immer sehr schöne Erinnerungen an ihr Heimatdorf.

Erna und Lydia sind während des Holodomors gestorben. Alwina bekam im Dezember 1933 ein weiteres Kind, doch auch sie starb kurz nach der Geburt des Kleinen. Einen Monat später verstarb auch das Kind. Vater Ewald Nickel heiratete später eine Frau namens Rosalia.

Meine Großmutter erzählte, dass die Familie damals großen Hunger gelitten hat. Der Vater hatte irgendwo im Wald Kartoffeln vergraben und holte immer kleine Portionen, damit die Familie etwas zu essen hatte. Durch die Enteignung und die Misswirtschaft starben damals sehr viele Menschen. Während der Zeit des Holodomors sind damals in der Ukraine Millionen von Menschen gestorben. 

Am 1. Juli 1936 wurden die Bewohner des Dorfs Dubowaja nach Myropil gebracht und in die Güterwagons gezwängt. Es begann eine Reise ins Unbekannte. 3500 Kilometer. Unendliche Tage in stickigen und heißen Zugwagons, ohne ausreichend Nahrung und Wasser. Wie viele Menschen damals unterwegs gestorben sind, kann man sich nur mit Schrecken vorstellen.

In der Steppe Kasachstans ausgesetzt, mussten die ausgezerrten Menschen feststellen, dass sie mitten im Nirgendwo gelandet sind. Sie lebten zunächst in Baracken. Hunger und Krankheiten nahmen einen nach dem anderen das Leben. Vor allem im ersten Winter waren zahlreiche Tote zu beklagen. Die Lehmhütten, welche die Menschen auf die Schnelle gebaut haben, konnten nicht austrocknen und so mussten die Leidenden den ersten Winter in kalten und feuchten Hütten verbringen.

Die Menschen bauten sich nach und nach Häuser aus Lehm. Im Jahr 1942 wurde der Vater meine Großmutter, Ewald Nickel, zur Trudarmee eingezogen aus der er erst 1946 zurückkehrte. Mit seiner Frau Rosalia bekam er noch vier Kinder, von denen nur zwei überlebt haben. Deren Nachfahren leben heute ebenfalls in Deutschland.

Das Dorf Kamenka, in dem meine Großmutter den Großteil ihres Lebens verbracht hat, liegt in Kasachstan, im Gebiet Zelinograd, Kreis Astrachanowskij. Verbannte Deutsche, aber auch Polen waren die unfreiwilligen Begründer dieses Dorfes. Heute leben die meisten von ihnen in Deutschland, viele in meiner Heimatstadt Eppingen. Mein Vater, Otto Martin, ist ebenfalls in Kamenka geboren. 

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