Martikat-Blog
Prost, Genosse Stalin! (22.02.2019 10:01:50)

Prost, Genosse Stalin! 

Ich gebe es zu. Manchmal überkommt mich die Sehnsucht nach russischen Spezialitäten. Im „Russenladen“ um die Ecke bekomme ich die Lebensmittel, die es in den üblichen Supermärkten nicht gibt. Vielleicht ist es nur Einbildung. Vielleicht Gewohnheit. Aber hin und wieder suche ich den kleinen Laden auf und kaufe ein paar „besondere Sachen“ ein, die ich sonst nirgendwo in der Form und in dem Geschmack bekomme. Ja, die eingelegten Gurken schmecken dort tatsächlich anders. Den Fisch, den ich am Liebsten mag, kriege ich auch nur dort. Außerdem gibt es nur dort das Gebäck, das ich gerne zum schwarzen Tee mit Honig knabbere, während ich in meinem Arbeitszimmer an meinen Texten arbeite. Mein nicht-russlanddeutscher Mann geht bei Gelegenheit gerne mit und amüsiert sich oft prächtig über bestimmte Produkte. Ich muss schon zugeben, dass es in diesen Lebensmittelmärkten, wo russische Musik aus den Lautsprechern ertönt, für das deutsche Auge und den deutschen Geschmack schon seltsame Sachen gibt. Manchmal finde ich das selbst amüsant. 

Was ich aber gar nicht amüsant finde, sind die Meldungen in sozialen Medien, die mir seit Tagen entgegenschlagen. In einiger dieser „Russenläden“ in Deutschland werden bestimmte Spirituosen vertrieben. Wein und Wodka. Nein, das ist nicht die Sensation. Es geht weniger um den Inhalt, als um die Verpackung. Wer besonders aufmerksam ist, dem wird das Porträt auf den Etiketten vielleicht ins Auge springen: Iosif Wissarionowitsch Dschugaschwili höchstpersönlich. Oder kurz: Josef Stalin.

„Haben Sie auch Hitlerbier im Angebot“, fragt sarkastisch ein junger Mann an der Kasse nach, empört über den Wein und den Wodka mit dem Bild des Diktators. Die Kassiererin lächelt als Antwort. Der Filialleiter gibt in seiner Stellungnahme nur an, dass „der Wein den Kunden eben gut schmeckt“. Na dann. Wie sagt man so schön „Egal, was man trinkt: Hauptsache, es knallt“. Und einen Knall haben wohl auch die Produzenten und die Konsumenten dieser Spirituosen. Bei Geld setzt der Verstand bekanntlich aus. Bei Alkohol auch. Da ist es unwichtig, ob Stalin, Hitler oder Satan höchstpersönlich auf dem Etikett abgebildet sind. 

Ein Skandal? Oder sind wir Russlanddeutsche zu empfindlich? Geht es nicht eher um den Inhalt des Produktes? Sollte die Verpackung eher zweitrangig sein? Die Tatsache aber, dass auf dem Etikett ein Massenmörder abgebildet ist, ein Unmensch, der Millionen Schicksale und Leben zerstört hat, lässt mir keine Ruhe. Wenn ich jetzt damit anfangen würde aufzuzählen, wie sehr meine eigene Familie unter den stalinistischen Repressionen gelitten hat, würde der Platz, geschweige in dieser Kolumne - in ganz Volk auf dem Weg nicht ausreichen. Mit diesen zerstörten Schicksalen und Leidensgeschichte könnte ich ganze Bücher füllen. Die Auswirkungen sind bis heute zu spüren, sie ziehen sich bis in meine Generation. Es quält und zerfrisst mich, weil ich mich immer wieder frage: Warum? Warum hat es meine Liebsten so hart treffen müssen? Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn der stalinistische Wahnsinn nicht eingegriffen hätte? Mein Herz blutet jedes Mal, wenn mir in den Zeitzeugengesprächen jemand von der schönen Kindheit an der Wolga oder in Wolhynien erzählt. Mit solch einer Wehmut nach der vergangenen Zeit und mit dieser Trauer über die geraubten Kindheit und Jugend, die entrissenen oder verschollenen Eltern, dem zerstörten Leben. All diese Tränen, dieser Schmerz, das Leid und so viele Verluste. Wie wäre all unser Leben wohl verlaufen, wenn es diesen Stalin und seine elendigen Gefolgsleute nicht gegeben hätte? Und es ist nicht nur die deutsche Seite meiner Familie, die gelitten hat. Auch meinen finnischen Großvater, seine Geschwister, Eltern und Großeltern hat es hart getroffen. Dieses Leid prägt meine Familie bis heute. Dieser Wahnsinn rollte damals über das Land wie ein Mähdrescher und zerstückelte alles, was unter sein Schneidwerk kam. Wir können das nicht einfach so abwerfen.

Angesichts dieser Tatsachen, verkaufen manche Märkte seelenruhig weiterhin den Wein und den Wodka. Wohlwissend, dass in ihren Läden auch ältere Menschen einkaufen, die diese Repressalien am eigenen Leibe erfahren haben. Die Deportationen erlebt haben, die ihre Familie verloren und durch die schweren Jahre gezeichnet nun vor dem Regal stehen und diese Fratze anschauen müssen. Wo bleibt der Anstand? Wo die Sensibilität? Wo der Mitleid mit den ganzen Opfern des Stalinismus? Wo bleibt das Herz und vor allem das Hirn, frage ich mich.

Über diese ganzen Verkäuferinnen, Ladenbesitzer und Produzenten rege ich mich mittlerweile gar nicht mehr auf. Die einen „machen nur ihre Arbeit“, was juckt es sie, was in den Regalen steht. Die anderen wollen sich bereichern. Sie haben auf die Unwissenden und Seelenlosen gesetzt und gewonnen. Denn es finden sich tatsächlich Leute, die diese Spirituosen kaufen. Für ihre Wochenend-Saufgelager wahrscheinlich. Oder irgendeinen besonderen Anlass. Wie wäre es denn mit solch einem Wein zu Großvaters Geburtstag? Der wird sich bestimmt freuen. Da würgt es mich allein schon bei diesem Gedanken, wie Russlanddeutsche, Kinder und Enkel von repressierten Deutschen aus der Sowjetunion, in Vorfreude am Regal stehen und nach der Stalin-Wodka greifen. 

Ich weiß nicht, was für ein Mensch man sein muss, um sich bewusst für diese Spirituose zu entscheiden. „Das ist doch egal“, meint eine Bekannte auf meine Aufregung. „Wenn es sowieso schon produziert ist und im Regal steht, wäre doch schade, wenn es verfällt.“ Ich fühle mich mittlerweile wie in einem falschen Film. Bester Spruch: „Wozu die Aufregung? Das Geld geht doch nicht direkt an Stalin.“ Darum geht es auch nicht. Es geht um diese Nicht-Vereinbarkeit und die Tatsache, dass in Deutschland ein Wein mit der Visage eines Massenmörders und ein Wodka mit seinem Namen vertrieben werden. Und alle scheinen das in Ordnung zu finden. 

Wahrscheinlich bin ich zu empfindlich und sehe alles viel zu eng. Aber ich will dem Mörder meiner Urgroßeltern nicht jedes Mal ins Gesicht blicken müssen, wenn ich wieder eine Sehnsucht nach russischen Spezialitäten verspüre. Ich will nicht jedes Mal daran erinnert werden, wie das sowjetische System die Leben meiner Großeltern und ihrer Eltern immer wieder aufs Neue gebrochen hat. Nicht daran erinnert werden, wie ihre Rechte mit den Füßen getreten wurden. Wie sie alles verloren haben und unter unmenschlichen Bedingungen ausharren mussten. 

Deutschland hat eine lange Zeit gebraucht, bis der Begriff Holocaust überhaupt zur Sprache kam. Vor kurzem lief im Fernsehen wieder die amerikanische Serie „Holocaust“, die 1979 bei ihrer Erstausstrahlung für viel Aufstand und Aufregung gesorgt hatte. Denn bis dahin hat man über die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust kaum gesprochen. Die meisten Menschen bevorzugten das Schweigen und das Verdrängen. Deutschland arbeitete sich jahrzehntelang mühsam voran, setzte sich mit dem Holocaust auseinander. In Russland und in vielen Staaten der ehemaligen Sowjetunion wird es auch noch Jahrzehnte, hoffentlich keine Jahrhunderte dauern, bis der Stalinismus aufgearbeitet ist. Wenn überhaupt. 

Welchen Sinn und Zweck hat dieses Etikett mit dem Gesicht und den Namen eines Massenmörders? Ist das witzig? Habe ich zu wenig Humor? Ist das diese Stalin-Verherrlichung, die ich nie verstehen und nachvollziehen werde? Wie oft werde ich in Diskussionen verwickelt, in denen Leute mir zu erklären versuchen, was für ein guter Mensch dieser Stalin war. Das Wort „Mensch“ können wir eigentlich gleich verwerfen. Sie bewundern ihn für seine Stärke, danken ihm, dass er die Sowjetunion zum Sieg geführt und für Ordnung im Land gesorgt hat. Besonders schlimm für mich, wenn das Russlanddeutsche tun. Wenn sie mir tatsächlich zu erklären versuchen, wie menschlich Stalin war. Dann frage ich mich immer wieder aufs Neue, ob diese Menschen zu wenig Ahnung von Geschichte haben, oder zu wenig von ihrer eigenen Familiengeschichte wissen oder einfach nur zu viel von diesem Stalin-Wodka gesoffen haben.

Ich kann und werde Stalin niemals als den großen Retter betrachten. Niemals werde ich nur ein gutes Wort über ihn verlieren. Da kann ich noch zehnmal in der Sowjetunion geboren sein. Keine von seinen angeblichen guten Tagen wird das Leid von Millionen Menschen und ihrer Nachkommen je wieder gut machen können. Ich werde nicht verzeihen und nicht vergeben. Und schon gar nicht gutheißen, dass in den russischen Lebensmittelmärkten, hier in Deutschland, Artikel solcher Art vertrieben werden. Leute, die diese Produkte kaufen werde ich niemals verstehen. Und diejenigen, die sich auch noch daran bereichern, bestimmt nicht für ihre clevere Marketingstrategie bewundern. Es ärgert mich sogar in diesem Moment, dass ich eigentlich Werbung für sie mache. Sei es drum. Zur Hölle mit diesen Läden, diesen Weinen und diesem Stalin.

Vielleicht bin ich wirklich zu empfindlich. Doch ich frage mich, wie ältere Menschen sich fühlen, wenn sie an diesen Regalen vorbeigehen. Wenn sie dem Henker ihrer Schicksale ins Gesicht blicken müssen. Was ist nur mit uns los, dass wir diese Stalin-Verherrlichung so weit haben durchdringen lassen. Bis zu uns nach Deutschland. Dass wir unsere eigene Geschichte und Vergangenheit so sehr verdrängen und vergessen, dass unsere Leute, die selbst davon betroffen waren oder die Nachwirkungen noch spüren, zu solchen Produkten greifen und mit diesem Wein oder Wodka anstoßen. Na dann, Prost, Genosse Stalin! 

Stellt euch folgendes Bild vor: Nachkommen von Holocaust-Opfern feiern ausgelassen bei Hitler-Wein. Grausig, oder? Unvorstellbar! Wird es nie und niemals geben. Und dann die bittere Realität: Kinder und Enkel von einst deportierten und repressierten Deutschen, die in der Sowjetunion erniedrigt, gefoltert, gemordet, der Rechte beraubt und jahrelang gelitten haben, feiern ausgelassen, während der Stalin-Wodka nur so fließt. 

Haltet die Erde an, ich steige hier aus.

 

 

 

 


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