Martikat-Blog
MIT UNS KANN MAN ES JA MACHEN (07.11.2020 09:02:51)

#KathisSenf


Erlauben Sie mir ein wenig Sarkasmus zu Beginn, um Ihnen meine Wahrnehmung von den Medien und manchen Journalist*innen in Deutschland zu schildern:

Sexistische oder rassistische Sprüche? - Sofort anprangern und unterbinden!

Hassrede gegen bestimmte religiöse oder kulturelle Minderheiten? - Ist ja furchtbar! Da müssen wir schnellstens entgegensteuern!

Fehlende Toleranz gegenüber sexueller, geschlechtlicher oder amouröser Vielfalt? - Da müssen wir doch schnellstens aufklären!

Üble Aussagen gegen jegliche Minderheiten, Volksgruppen, Menschen mit Migrationsgeschichte, und, und, und…? - Geht ja gar nicht!

Hetze gegen Russlanddeutsche? - Cool, da machen wir doch glatt mit!

Ja, ja. Genau so, und nicht anders. Jetzt werden sicherlich Gegenstimmen laut, die behaupten werden: „Ach komm, so schlimm ist es doch gar nicht! Du übertreibst doch!“ Mag sein. Ich bin eben ein sehr aufbrausender und emotionaler Mensch. Diesmal habe ich keinen Bock, diplomatisch zu sein, auf meine Wortwahl zu achten, nach geeigneten Formulierungen zu suchen, um bloß kein falsches Wort fallen zu lassen. Sch**ß drauf, ehrlich. Ich bin stinkwütend. Wieder einmal. Zum x-ten Mal. Weil es immer das Gleiche ist. Man kann uns durch den Kakao ziehen, und alle anderen stehen daneben und klatschen. Man kann uns Sachen an den Kopf werfen, uns Dinge unterstellen, uns medial ausschlachten, ohne dass jemand etwas dagegen sagt oder unternimmt. Mit uns kann man es ja machen.

Das Problem ist nicht die verdrehte Wahrnehmung einzelner Personen oder die verzerrte Darstellung in den Medien von uns, Deutschen aus Russland. Das Problem ist, dass diese Personen und Medien das meinungsbildende Sprachrohr sind. Dass Menschenmassen das lesen, überhaupt nicht hinterfragen (wozu? steht doch in einer renommierten Zeitung, ist doch von einem anerkannten und bekannten Journalisten/Journalistin geschrieben!), nicht recherchieren (wozu auch den Inhalt eines Artikels nachprüfen?) und meinen - so wird es wohl sein. Auf diese Weise entstehen gewisse Bilder, die dann schwer auszuradieren sind. Fast unmöglich.

Würde ich hier alle „Fettnäpfchen“ der deutschen Presselandschaft aufführen, könnte ich vermutlich einen Sammelband veröffentlichen. Damit meine ich nicht nur Artikel in irgendwelchen Zeitschriften, Fernsehbeiträge, Dokumentationen und so weiter. Nein, es geht auch um Postings, um Kommentare und vor allem auf die Reaktionen darauf. Die tun am meisten weh, denn sie spiegeln die Wahrnehmung und die Einstellung zu uns, Deutschen aus Russland, wider. Unverblümt, unzensiert - und oft auch, unberechtigt.

Damit ihr meine Aufregung versteht, möchte ich ein ganz aktuelles Beispiel bringen. Ich möchte veranschaulichen, wie unreflektiert und undurchdacht diese Sprüche einfach so in die Welt hinausposaunt werden. Diese Sprüche sind nicht das größte Übel. Noch schlimmer ist der Beifall, den diese Personen dafür bekommen. Also, Bühne frei für Hasnain Kazim: 

Ein deutscher Journalist, der sich in den sozialen Netzwerken gegen Diskriminierung, Rassismus und Sexismus ausspricht. Finde ich sehr lobenswert und unterstütze die (meisten seiner) Beiträge, die er in seinen sozialen Kanälen postet. Und dann erlaubt er sich diesen - aus seiner Sicht wohl äußerst witzigen Vergleich und folgenden kurzen Post (in dem es eigentlich um die Wahlen in den USA gehen sollte):

„Interessant ist übrigens auch, wen deutsche Medien jetzt alles als 'USA-Experten' bringen. Das ist wie mit der Helmut-Kohl-Regierung, wen die alles als 'Russlanddeutschen' sah - da reichte auch der Besitz eines deutschen Schäferhundes vor 200 Jahren.“

Wau! Wie geistreich! Wau! Wie witzig! Oh, entschuldigen Sie, es heißt natürlich nicht „wau“, sondern „wow“. Da ist wohl der deutsche Schäferhund mit mir durchgegangen.

Als Kontrast dazu, erschien am selben Tag mein Interview mit dem größten karelischen Portal „Republika Karelia“, in dem ich ausführlich über das Schicksal der Deutschen aus Russland berichte - und auch davon, wie schwer es damals für uns war, nach Deutschland ausreisen zu können. Welche Herausforderungen und Hürden unsere Leute überwinden mussten.

Kurzer Einschub: Als ich das Interview gegeben habe, hatte ich, ehrlich gesagt, ziemliche Bedenken, ob die Journalistin und das Portal meine Ausführungen über die Geschichte und das Schicksal der Deutschen in der Fülle und dem Ausmaß überhaupt bringen würden. Eine russische Ausgabe, mit großer Reichweite - und ich komme da mit meiner Aufarbeitung der Geschichte und der knallharten Wahrheit über das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion. Das ist in Russland beileibe  nicht immer ein gern gesehenes Thema. Und siehe da: Es wurde nichts ausgelassen! Ich bin beeindruckt und überrascht, dass ausgerechnet in Russland dieses Thema so ausführlich behandelt worden ist. Insbesondere haben mich die Kommentare und die Nachrichten berührt, die ich auf dieses Interview bekommen habe. Da freut man sich auf der einen Seite über die gelungene Aufarbeitung, das Verständnis und die Bereitschaft der Menschen, dieses Thema anzunehmen, und bekommt auf der anderen Seite direkt die ernüchternde Ohrfeige. Freu dich bloß nicht zu früh. Es ist noch nicht vorbei.

„Dann geh doch zurück nach Russland!“, werden mir sicherlich ein paar Klugscheißer zurufen. Spart euch das. Ich werde nirgendwohin gehen, sondern hier bleiben. Für immer und ewig. Und auf mein Recht pochen. Denn so langsam kotzt es mich echt an. Ich finde keinen anderen Ausdruck dafür. Wenn man sich schon damit brüstet gegen Rassismus und jegliche Art von Diskriminierung zu sein, dann muss das doch für ALLE Menschen gelten? Oder sind wir, Deutsche aus Russland, eine Ausnahme? Ach ja, ich habe es vergessen: Mit uns kann man das ja machen.

Wir leben seit mehreren Jahrzehnten in diesem Land. Wir haben uns gut (und geräuschlos) integriert. Der Großteil von uns spricht gut Deutsch, hat eine Ausbildung, eine Arbeit, wir halten uns an Regeln und Gesetze, viele unserer Landsleute haben sich in alle Bereiche des öffentlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens eingegliedert. Aber, sie scheinen unsichtbar zu sein. Sichtbar sind natürlich nur diejenigen, die rechtsextrem, homophob und rassistisch sind. Diejenigen, kein Deutsch lernen wollen, die Putin anbeten, die, schlicht gesagt, Sch**ße bauen. Diejenigen, die eben für Zünd- und Gesprächsstoff sorgen. Und solche gibt es natürlich nuuuuuuur bei den Russlanddeutschen. Nuuuuur bei uns. Diese Extremen treten sonst bei keiner anderen nationalen, kulturellen oder religiösen Minderheit auf. Nuuuuur bei den Russlanddeutschen. Also, zeigt mal schön mit den Fingern auf sie. Immer und immer wieder. Ja, klar. Mit uns kann man es ja machen.

Zurück zu den „Fettnäpfchen“: Sicherlich kann jeder mal über das Ziel hinausschießen. Aber einer der ersten und wichtigsten Grundsätze, den ich in der Journalistenschule letztes Jahr gelernt habe, war: Wenn man einen Fehler gemacht hat, dann muss man diesen Fehler eingestehen. Nicht einfach den Beitrag löschen und so tun, als wäre nichts gewesen. Nein, man muss zu seinem Fehler stehen, sich entschuldigen und - Aufgepasst! - die Sache richtigstellen!

Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen, so macht man das. Niemand von uns ist ohne Sünde. Jedem von uns kann mal ein Fehler unterlaufen, eine Lücke bei der Recherche passieren. Das alles ist menschlich. Doch wenn uns ein Fehler passiert, dann tut man doch alles dafür, um diesen Fehler wiedergutzumachen. Alles andere fällt für mich in die Kategorie: beabsichtigte Hetze, beabsichtigte Schädigung, Diskriminierung, Diffamierung - soll ich noch weitermachen, oder ist es nun angekommen?

Was noch mehr schmerzt, ist, dass niemand für uns Partei ergreift. Ja, wir haben keine Stimmen, die in der Gesellschaft gehört werden. Niemanden, der sich hinstellt und sagt: Äh, hallo? Geht's noch? Sichtbar und laut wird. Personen des öffentlichen Lebens. Eine gewichtige Organisation. Eine bekannte Persönlichkeit oder ein großen Politiker, verdammt - wir haben nicht einmal einen Journalisten oder Journalistin in der „Größe“, der/die aufstehen könnte und sagen könnte: Jetzt reicht’s! Und ein Gegengewicht bringen könnte. Genau dieselbe Reichweite erreicht, wie all diese Medien und Journalist*innen, die gegen uns hetzen, solche Sprüche klopfen und uns dadurch noch tiefer in diesen Sumpf ziehen. Nein, es gibt niemanden. Wir strampeln hier vor uns hin, aber es passiert nichts, weil all unsere Strampeleien wieder nur von uns selbst gesehen werden. Weil wir sie sehen wollen.

Aber wenigstens strampeln wir noch. Dabei erinnere ich mich an diese Geschichte mit den Fröschen im Milchtopf. Der eine Frosch sah die Aussichtslosigkeit der Lage und überließ sich seinem Tod. Der andere beschloss so lange zu strampeln, wie er nur kann. Und siehe da, er strampelte und strampelte und strampelte - bis er die Milch zu Butter geschlagen hatte und sich aus dem Topf retten konnte. Daher meine Lieben: Wir müssen noch lange, lange, lange strampeln. Gemeinsam, aus aller Kraft. Immer schön weiterstrampeln. Ununterbrochen. Dann wird es vielleicht was…

Zum Abschluss, möchte ich euch ermutigen, den Beitrag meiner hochgeschätzten Kollegin Melitta L. Roth auf ihrem Blog „Scherbensammeln“ zu lesen. Sie hat es wieder einmal sehr sachlich, treffend, uns allen so schmerzhaft nah und emotional formuliert. Danke dafür!

**********

Foto: Ksenia Soldatenko


Bewertung: (5,00 Punkt(e) / 2 Bewertung(en))

 
 
Kommentare

 
Keine Kommentare vorhanden.
 
 
Kommentar verfassen
 
Name:
E-Mail:
Betreff:
Kommentar :
 
 

Nach oben