Martikat-Blog
#NichtMeineLeute (05.04.2022 13:18:40)

„Hört auf, Russen zu hassen!“ - Mit solchen und ähnlichen Sprüchen schmückten sich vergangene Woche Hunderte - und wenn wir das insgesamt betrachten - Tausende Autos, die an den Autorkorsos in Berlin, Würzburg und von Köln bis Bonn teilgenommen haben. 


An alle Teilnehmenden dieser Autokorsos der Schande: Wenn ihr wollt, dass man aufhört Russen zu hassen, dann habe ich für euch einen Tipp: Hört auf, euch so zu benehmen. 


Wenn ihr wollt, dass die Menschen in Deutschland - und übrigens auf der ganzen Welt - sich euch gegenüber korrekt und respektvoll verhalten, dann fangt doch bei eurem eigenen Verhalten an. Am Tag, als grausame Bilder von Kriegsverbrechen der russischen Armee an der ukrainischen Zivilbevölkerung aus Butscha veröffentlicht worden sind, habt ihr nichts Besseres zu tun, als mit russischen Flaggen, dämlicher Sprüchen und Putin auf der Brust durch die Gegend zu fahren, und darüber zu klagen, wie sehr ihr, armen Kreaturen, in Deutschland diskriminiert werdet. 


Schämt euch. Schäbig und peinlich. Nicht nur für euch, sondern leider für uns alle, die direkt oder indirekt mit euch in Verbindung gebracht werden. Ob über unsere gemeinsame Geschichte, über unser gemeinsames ehemaliges Heimatland, oder die gemeinsame Muttersprache. Ich könnte in Boden versinken, jedes Mal, wenn mich jemand darauf anspricht, was „meine Leute“ da wieder treiben. 


Ich will hier auf keinen Fall die tatsächlichen Diskriminierungen, die es auch gibt, herunterspielen. Aber lasst uns doch endlich differenzieren, genauer hinschauen, und uns nicht jedes Mal dieser Hysterie hingeben. Gibt es etwas keine anderen Wege und Mittel? Wozu solch eine abartige Show? Wobei, es ist uns doch allen klar, dass es sehr sehr sehr vielen bei dieser „Demonstration für Frieden und gegen Diskriminierung“ gar nicht darum ging. Sondern um etwas anderes. 


Kapiert es endlich, alle, die ihr teilgenommen habt, ihr seid nicht die Opfer. Wobei, doch: Ihr seid Opfer. Eures eigenen Verstandes (über dessen Existenz lässt sich übrigens auch streiten), Opfer von Propaganda, Opfer der eigenen Unmenschlichkeit, Opfer der eigenen Ignoranz.  


Ich weiß nicht, was diesen Menschen, die solche Aktionen organisieren oder daran teilnehmen durch den Kopf geht. Das werde ich wohl auch nie begreifen können. Ich wette, dass von keinem von ihnen ein einziges Wort des Bedauerns für die Opfer in der Ukraine kam. Ich wette, dass keinem von ihnen irgendeine Art von Diskriminierung widerfahren ist. Aber Hauptsache das Maul aufreißen. Hauptsache Radau machen. Welchen Schaden sie durch dieses Verhalten anrichten, ist ihnen wohl nicht bewusst. 


Warum nehmen sie an solchen Aktionen teil? Die meisten aus Dummheit und Respektlosigkeit, einige aus Unwissenheit, andere aus Naivität, welche, weil sie irgendwo dazugehören wollen, manche als Mitläufer. Und lest euch mal die Kommentare unter den Fotos und Videos von dieser Aktion durch. Wie sie sich selbst oder die Teilnehmenden abfeiern. Das ist ja eine ganze Armee von Hirnlosen. Woher kommen sie bloß alle? 


Ja, woher kommen sie bloß alle. Wisst ihr, was ich mich die letzten Tage immer wieder frage? Wo bleibt denn die Sichtbarkeit unserer Leute, wenn es um etwas Sinnvolles geht? Wenn es zum Beispiel darum geht, sich an den Wahlen zu beteiligen. Wo sind diese Leute, wenn es darum geht, sich ehrenamtlich oder politisch zu engagieren? Oder eine kulturelle Veranstaltung zu besuchen und damit russlanddeutsche Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen? An einer Veranstaltung über russlanddeutsche Geschichte oder Literatur teilzunehmen? Sichtbarkeit bei städtischen oder gesellschaftlichen Aktionen zu zeigen? Wo sind all diese Leute? Na, wenn es um solche Sachen geht, dann haben die alle keine Zeit, kein Geld, keine Kraft, müssen arbeiten, sind krank, müde, haben Kinder, Verpflichtungen, Wochenende, und so weiter. 


Doch sobald es um irgendeinen Schwachsinn geht, da rennen sie so schnell hin, dass die Knie nur so über den Ohren schweben. Ja, sie rennen wie verrückt, ohne sich einen einzigen Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Wenn es darum geht, eine vermeintliche „Größe und einen Zusammenhalt der Russen“ bei diesen schwachsinnigen Aktionen zu zeigen. Wenn sie die Möglichkeit bekommen, die russische oder sowjetische Flagge auszupacken. Was geht in euren Köpfen vor? 


Und eine weitere Besonderheit: Ich sehe noch eine gewisse „Logik“ dahinter, wenn es Menschen tun, die tatsächlich aus Russland kommen. Doch diejenigen, die keine Russen sind. Keinerlei Bezug zu Russland haben. Auch noch Deutsche sind. Die nie in Russland gelebt haben und nie dort gewesen sind. Aber wie blöd „Rossija, Rossija!“ und „Für Putin“ brüllen. Was ist denn das für eine neue Spezies? 


Ich schäme mich in Grund und Boden. Ich habe keine Lust mehr, dass ich darauf angesprochen werde, was „meine Leute“ sich da wieder dabei gedacht haben. Nein, es sind nicht meine Leute. Ich gehöre in keinster Weise dazu und möchte mit ihnen auch nicht in Verbindung gebracht werden. 


Es sind nicht meine Leute! Es sind nicht meine Leute, die gerade über Deutschland und unsere Regierung herziehen, und das „freie“ Leben in Putinland und dessen Regime anpreisen. Die unsere Politikerinnen und Politiker als schwach und dumm darstellen, aber Putin verherrlichen. Es sind nicht meine Leute, die sich über das ach-so-harte Leben in Deutschland beschweren, ein Leben in Freiheit, Demokratie und Wohlstand. Eine sind nicht meine Leute, die mit dem Bild eines Massenmörders auf der Brust durch die Straßen spazieren und etwas über die angebliche Verletzung ihrer eigenen Rechte faseln. Es sind nicht meine Leute, die den verfluchten Buchstaben Z in ihrem Status veröffentlichen und das Morden in der Ukraine gutheißen. Es sind nicht meine Leute, die mit Schaum am Mund putinistische Propaganda reproduzieren. Es sind nicht meine Leute, die blind und taub gegenüber dem Leiden der ukrainischen Bevölkerung sind. Es sind nicht meine Leute, die ihre eigene Geschichte vergessen haben, und sich wie jene benehmen, die sie selbst ihr ganzes Leben lang verdammt und verurteilt haben. Es sind nicht meine Leute. Es sind nicht meine Leute! Es sind verdammt noch einmal nicht meine Leute und sie werden es nie sein!


Meine Leute engagieren sich gerade für die Menschen in der Ukraine. Meine Leute engagieren sich gerade für die Geflüchteten aus der Ukraine. Meine Leute klären auf ihren Kanälen auf, meine Leute erzählen über Schicksale, meine Leute versuchen zu schlichten und zu versöhnen. Meine Leute sind dankbar, dass wir in einem freien Land leben dürfen. Meine Leute investieren so viel Zeit und Kraft, und werden dann leider aber doch immer wieder von diesen Schachmatten übertönt. Und das darf nicht sein! Ich wehre mich entschieden dagegen, dass diese Putinisten, Kriegsbefürworter und Propagandafresser das Bild unserer Community prägen.


Und leider muss ich auch zugeben, dass wir selbst eine gewisse Mitschuld an diesem Zustand tragen. Wir haben uns zu lange weggedreht, zu lange weggeschaut. Wir haben denen zu lange das Feld überlassen. Wir haben die Gefährlichkeit dieser Entwicklungen nicht gesehen. Oder vielleicht sogar gesehen, aber nicht mal erahnen können, welche Ausmaße es nehmen kann. Wir waren zu naiv. Zu gutgläubig. Dieser monströse Organismus wuchs und wuchs und ernährt sich nun von unseren Liebsten, unseren Freunden, Verwandten, Bekannten, Nachbarn, Kollegen. Und wir müssen hilflos dabei zusehen, wie sie davon verschlungen werden. Wie sie sich vor unseren Augen in uns fremde Kreaturen verwandeln. Wir schauen sie an, sehen und verstehen, dass es unsere Liebsten sind, Menschen, die uns etwas bedeuten, wir erkennen sie aber nicht mehr wieder.


Nun haben wir das, was wir haben. Eine Parallelgesellschaft. Wir bekämpfen in Deutschland doch jegliche Art von Extremismus. Warum lassen wir dann aber den russländischen und putinistischen Faschismus hier gedeihen? Warum nehmen wir das stillschweigend hin? Ich, als Russlanddeutsche /als Deutsche mit russischen Wurzeln, die aus Russland kommt, fordere ein sofortiges Verbot von solchen Aktionen, die den putinistischen Extremismus auch noch befeuern. Welches Bild vermitteln denn wir nach außen? In Russland klatschen sie nun auf allen Kanälen Beifall. Abartig. Wir dürfen das nicht zulassen. 


Ich fordere, dass der putinistischen Propaganda in Deutschland endlich der Hahn zugedreht wird. Das kann doch nicht sein, dass wir gegen bestimmte extremistische Entwicklungen in Deutschland hart vorgehen, während sich unmenschliche und unterirdische Sprüche, Videos, Bilder, Materialien aller Art in aller Ruhe und in freier Zugänglichkeit verbreitet werden können. Sperrt die verdammten staatlichen russischen Kanäle. Verbietet die verfluchte Plattform „Odnoklassniki“ - werft man einen genauen Blick dorthin. Das ist Extremismus pur! Das ist erschreckend, was sich dort alles verbreitet - und in welchem Ausmaße! 


Mir ist bewusst, dass der Dreck sowieso seinen Weg finden wird, um bei den Menschen zu landen. Aber wir könnten es wenigstens etwas einschränken, damit es nicht solche Ausmaße nimmt. Welche Ausmaße es nehmen kann, können wir auch noch gar nicht erahnen, aber mir graut es davor! 


Meine Stimme allein kann das nicht verändern oder bewirken. Aber unsere Stimmen gemeinsam schon. Die Stimmen meiner Leute. 


Da muss aber auch die Regierung endlich genauer hinschauen. Es reicht nämlich. Wir sollten aufhören die Russlanddeutschen bzw. Menschen russischer Herkunft ständig nur mit Samthandschuhen anzufassen. Wir müssen endlich hinschauen und die Dinge bei ihren Namen nennen. 


Es geht hier nicht um Unterdrückung, wie manche es nennen. Es geht hier um sehr gefährliche Entwicklungen einer Parallelgesellschaft, denen wir entgegensteuern müssen. Denn diese Entwicklungen werden irgendwann auch uns treffen. Hart treffen. Schmerzlich treffen. Uns. Mich. Meine Kinder. Eure Kinder. Und das sehe ich nicht ein. Wir haben uns zu lange weggedreht. Wir dürfen das nicht mehr tun. Ich will das, was noch zu retten ist, retten. 


#nichtmeineleute #gegenputinspropaganda #russlanddeutsche #standwithukraine 



Bewertung: (4,20 Punkt(e) / 15 Bewertung(en))

 
 
Kommentare

 
Keine Kommentare vorhanden.
 
 
Kommentar verfassen
 
Name:
E-Mail:
Betreff:
Kommentar :
 
 

Nach oben