Martikat-Blog
Von Kolyma bis Suleika: Über die Macht der Verleugnung (19.04.2020 11:44:32)

Von Kolyma bis Suleika 

Über die Macht der Verleugnung 

 

Im April startete im russischen Fernsehen die Serie „Suleika öffnet die Augen“ (Зулейха открывает глаза), nach dem gleichnamigen Debütroman der tatarischen Schriftstellerin Gusel Jachina. Die Meinungen zu dieser Serie gehen weit auseinander. Wieder tobt ein regelrechter Wortkrieg. War absehbar. Es brodelt jedes Mal gewaltig, wenn es in Russland jemand wagt, im Wespennest der Vergangenheit zu wühlen.

 

Um die Serie anschauen zu können, muss man sich kein russisches Fernsehen anschaffen. Die einzelnen Folgen werden nach und nach auf YouTube veröffentlicht. (Aber Russisch sollte man können.) Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und habe mir vorgenommen die Serie anzuschauen und parallel das Buch zu lesen. Man möchte ja auch mitdiskutieren können. Keine Angst, ich werde in meinem Beitrag nicht spoilern.

 

Die ersten zwei Folgen saß ich mit einem Taschentuch da und habe ca. 80% der Serienzeit geweint. Nicht, weil ich so ein emotionaler Mensch bin oder schwache Nerven habe. In den Szenen habe ich nichts erschreckend Neues gesehen. Ich habe schon oft von Enteignungen und Deportationen gelesen, mir unzählige Filme, Fotos und sonstiges Bildmaterial angeschaut. Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren mit unzähligen Menschen darüber gesprochen. Es dürfte also nichts dabei gewesen sein, was mich hätte erschüttern können. Ich habe lediglich meine Familie darin gesehen. Meine Urgroßeltern. Deutsche aus Wolhynien. Finnen aus dem Gebiet Leningrad. Ich habe in den kleinen Mädchen der Serie meine deutsche Großmutter Linda erkannt. In den kindlichen Gesichter der Jungen meinen finnischen Großvater Alexander. Suleika, die Hauptprotagonistin des Films, das könnte meine finnische Urgroßmutter gewesen sein. Genauso stellte ich sie mir immer vor. Ruhig, zurückhaltend, wunderschön. Sie hieß Maria (oder auch Marja) Virolainen. Sie wurde 1942 mit ihren drei Kindern, nach dem ihr Mann verhaftet, erschossen und in ein Massengrab mit vielen anderen „Feinden des Volkes“ geworfen wurde, nach Sibirien deportiert. Die Augen meiner Urgroßmutter, verängstigt auf dem Pferdewagen, unendliche Stunden, Tage, Wochen, in den eisigen Viehwaggons, mit Zwischenstationen, über den Jenisej, unterwegs in das Gebiet Krasnojarsk. So wie Suleika auch. Ja, das könnte meine Urgroßmutter gewesen sein.  

 

Ich habe so viel schmerzhaft Bekanntes in den einzelnen Szenen gesehen. So viel, dass es kaum auszuhalten war. Ein Gefühl der absoluten Starre, wenn diese Bilder vor deinen Augen flimmern und du mit jeder einzelnen Faser deiner Körper die Angst, die Kälte, die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung dieser Menschen spürst. Deiner Menschen. Verbunden mit einem Gedanken im Kopf: Wie konnte man das nur überleben? 

 

Doch manche Menschen sind der Ansicht, dass die Serie die damaligen Ereignisse komplett verfälscht und verzerrt. Die Darstellung entspreche überhaupt nicht der Wahrheit. Bereits der Trailer löst bei vielen eine Gefühl der Kränkung aus. Wieder die böse Sowjetmacht! Wieder die armen Kulaken! Nein, das wolle man sich auf keinen Fall antun. „Ich werde mir diesen Mist bestimmt nicht ansehen! Das wird schon langsam zu einem beliebten Anti-Thema“, meckert eine Dame in den Kommentaren auf Facebook. In sozialen Netzwerken überschlagen sich die Ausführungen darüber, dass die Serie antisowjetisch, antirussisch, ja antigesellschaftlich sei. „So etwas gehöre verboten!“, fordern manche Stimmen. Genau! Her mit der stalinistischen Zensur! Ist ja unmöglich, was heutzutage produziert wird!

 

„Selten so einen Schwachsinn gesehen“, kommentiert ein anderer Experte und klärt die unwissende Gemeinschaft darüber auf, dass die Kinder der Enteigneten keinesfalls mit in die Verbannung geschickt wurden. Ihnen wurde ein viel besseres Schicksal zuteil: Sie kamen in Kinderheime. Und bei diesem Kommentar zerreißt es mich endgültig. Denn mein Großvater, damals vier Jahre alt, wurde mit seiner Mutter und seinen Geschwistern in den hohen Norden verschleppt. Er blieb nicht in der Region Leningrad. Er musste die ganze Tortour miterleben. Ins Kinderheim kam er allerdings doch. Nachdem seine Mutter an einer Lungenentzündung gestorben war. Aber bleiben wir bei diesen Kinderheimen. Ich bezweifle sehr, dass es schöne Orte gewesen sind, die auf das Kindeswohl bedacht waren. Es waren Sondereinrichtungen für „Kinder der Feinde des Volkes“.  Wer nicht weiß, was das ist, soll googeln. Mein Großvater hat sein ganzes Leben damit zu kämpfen gehabt und hat es bis zu seinem Tod nicht überwunden. Er konnte diesen, ihm aufgedrückten Stempel, weder ablegen noch vergessen. Er hatte keine Kindheit, keine Jugend. Er hat Dinge erlebt und gesehen, die nicht in eine Kindheit gehören. Und er war nicht der einzige Betroffene. Mir stehen immer noch die Kinderbriefe vor Augen, die ich im Zentrum Memorial in Moskau gelesen habe. Ich erinnere mich an die Bilder aus dem Museum im ehemaligen Frauenlager Alschir in der Nähe von Nur-Sultan. Das sind nur Tropfen in dem Meer von erschütternde Zeitzeugnissen, die es gibt. Was brauchen wir mehr an Beweisen? Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Wo die Menschlichkeit?

 

Würden diese „Experten“ lediglich auf den Weiten des Internets wüten, könnte ich das noch verkraften. Doch mich lässt der Gedanke nicht los, dass diese Menschen bestimmt auch Kinder und Enkel haben. Manche von ihnen arbeiten als Lehrkräfte oder als Dozenten. Sie ziehen die nächste Generation von gleichgültigen Verleugnern groß. Das ist das Erschreckende an der ganzen Sache. 

 

Eine ähnliche Diskussion brach genau vor einem Jahr aus, als der russische Blogger Jurij Dud im April 2019 auf seinem YouTube-Kanal den Dokumentarfilm „Kolyma“ veröffentlichte. Binnen weniger Tage wurde der Film millionenfach angeklickt. Die meisten Stimmen sprachen Jurij Dud ihre Dankbarkeit und Anerkennung aus. Doch - wie konnte es auch anders sein - fanden sich auch hier beleidigte und in der Ehre verletzten Bürger, die ihn verfluchten und verdammten, weil er die heilige Sowjetzeit „in den Dreck zieht, alles überspitzt, keine Ahnung hat - und sowieso, sei damals niemand einfach so verhaftet oder verbannt worden“. Sowohl der Dokumentarfilm „Kolyma“ als auch das Buch und die Fernsehserie über das Schicksal der verbannten Tatarin Suleika haben deutlich gezeigt: Es wird noch sehr lange dauern, bis in der russischen Gesellschaft eine gesunde Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit herrscht. 

 

Kennen Sie den §130 des deutschen Strafgesetzbuches - auch bekannt als Gesetz gegen Holocaustleugnung? Aus meiner Sicht eines der stärksten Gesetze überhaupt, wenn es um den Umgang mit der Geschichte und Verantwortung geht. Wäre es nichts längst Zeit, ein solches Gesetz im Bezug auf die stalinistischen Verbrechen bzw. Verbrechen der Sowjetmacht zu entwerfen und einzuführen? Damit diejenigen, die diese Verbrechen leugnen oder verharmlosen endlich mal Konsequenzen dafür tragen. Verstummen werden sie eh nie. Damit wir, die Nachkommen - und vor allem die Betroffenen 

- uns diese menschenentwürdigenden Kommentare und Argumentationen nicht mehr anhören müssen. 

 

Wenn jemand seinen Führerschein, zum Beispiel wegen Trunkenheit am Steuer verliert, muss er sich einer Medizinisch-Psychologische Untersuchung unterziehen: Bestimmte Kurse besuchen, sich mit seinem Verhalten auseinandersetzen, Fehler eingestehen - Konsequenzen tragen. Warum gibt es solche Kurse nicht für Menschen, die mit ihrer menschenverachtenden Meinung ungebremst durch die Gesellschaft rasen? Ich frage mich, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht, dass sie diese Verbrechen leugnen, mildern oder verharmlosen? Obwohl es Zeugen dafür gibt, die heute noch leben. Abermillionen Zeugen! Menschen, die das selbst erlebt haben. Menschen, die das überlebt haben. Wie kann man so ignorant, stumpf,ungebildet und menschenverachtend sein, solche Sachen zu behaupten, dass damals „niemand einfach so verhaftet oder erschossen wurde“ oder dass „Deportationen notwendig“ oder „nicht so schlimm wie dargestellt“ waren. Nichts und niemand kann diese Untaten, die an den Menschen begangen worden sind, rechtfertigen oder je wieder gut machen. Die Ausmaße wirken sich heute, bis in die Enkelgeneration, aus. 

 

Wir können das Geschehene nicht wieder ungeschehen machen. Doch wir, als Weltgemeinschaft, können dazu beitragen, dass den Menschen, die diese schrecklichen Dinge erlebt haben, durch solche sinnlosen und verachtenden Sprüche und Argumentationen nicht die Würde genommen wird. Denn genau das passiert, wenn man diese Verbrechen zu beschönigen oder zu leugnen versucht. Das Leid in Frage stellt. Es gibt dafür keine menschlich logische Erklärung oder Rechtfertigung. Das sowjetische System hat abermillionen Menschen auf dem Gewissen. Es ist erforscht, aufgearbeitet, nachgewiesen. Warum sträuben sich nach wie vor so viele Menschen davor, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken? Sie verschließen nicht nur ihre Augen, sondern auch ihren Verstand und ihre Herzen.

 

Als ich im Februar 2019 das Zentrum der Menschenrechtsorganisation Memorial in Moskau besuchte, in dem die stalinistischen Verbrechen und menschliche Schicksale aufgearbeitet werden, bekam ich eine Führung durch das Archiv und durfte sogar Aufnahmen machen. Emotional war das sehr schwer, weil man sich bewusst macht, dass hinter jedem Brief, hinter jeder Akte und jedem Foto ein menschliches Schicksal steht. Bevor ich ging, fragte ich den Mitarbeiter des Archivs: „Ilja, ist es nicht belastend Tag für Tag hierher zu kommen und so viel Zeit zwischen diesen tragischen Menschenschicksalen zu verbringen? Es muss ja schrecklich sein!“ Ilja lächelte mich traurig an und antwortete: „Nein, das ist nicht die größte Last bei dieser Aufgabe.Das schrecklichste an meiner Arbeit sind die Menschen, die mir weismachen wollen, dass es all dies nicht gegeben hat…“ 

 

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Nachtrag: Aufgrund der Nachfrage, hier die Links:

Kolyma, Jurij Dud: KOLYMA

Suleika öffnet die Augen / Зулейха открывает глаза. 1 серия (2020) Драма, экранизация @ Россия 1

 

Gusel Jachina, "Suleika öffnet die Augen", Aufbau Verlag: BUCH Suleika öffnet die Augen

 

 

 

 

 

 


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