Martikat-Blog
ZWEI HÄNDE (22.08.2021 10:08:59)

Zwei Hände, zwei Kinder. Du nimmst das eine Kind an die rechte, das andere an die linke Hand. 
Zwei Hände, zwei Kinder, vierundzwanzig Stunden.
Zwei große Säcke. Die wichtigsten Sachen kamen in zwei große Säcke. Der eine Sack gefüllt mit Kleidung, der andere, etwas kleinere - mit Essen. Der Rest wurde auf Taschen, Truhen und Kisten verteilt. Eingepackt wurde alles, was davon tatsächlich mitreisen würde - darüber wollte Liesmarie noch nicht nachdenken. 
Pack alles ein, Liesmarie. Lieber zu viel vorbereiten. Lieber etwas unterwegs liegen lassen. Sonst ärgerst du dich vielleicht später noch darüber, dass du etwas nicht mitgenommen hast, was du hättest mitnehmen können, sagte sie zu sich selbst. 
Zwei Hände, die eilig, aber ordentlich die Sachen in die Säcke stopfen und in die Kisten stapelten. 
Ein Pferd und einen Wagen haben sie versprochen. Doch wer weiß, wie viel darauf passt! Und wenn der Wagen liegen bleibt? Wenn sie zu Fuß weitergehen müssen? Das Wichtigste kommt auf den Rücken, so viel stand fest. 
Zwei Augen, die schon ganz müde waren und im schummrigen Licht der Öllampe kaum etwas auseinanderhalten konnten. Zwei Gedanken, die immer wieder durch ihren Kopf streiften: Wohin und warum?
Zwei Kinder, die friedlich und zum letzten Mal in ihren Bettchen schliefen. Die Große, bald dreizehn, half Liesmarie noch bis in die späten Abendstunden mit dem Packen. Der Kleine, vor kurzem zehn geworden, schlief vor Erschöpfung auf dem Boden ein. Als die Große einen Krug fallen lieg, schreckte der Bub aus dem Schlaf auf - und ging endlich freiwillig ins Bett.
Sammelt Kräfte, sagte die Mutter, und die Kinder gehorchten. Ihre zwei Kinder. 
Zwei Hände, zwei Kinder. Liesmarie dachte an diejenigen Frauen, die größere Kinder hatten, die selbstständig laufen, essen, sich selbst oder sogar auch andere versorgen konnten. Die waren nun besser dran als die kinderreichen Frauen. Wie sollte Frau nur drei, vier, fünf oder mehr Kinder durchbringen - und auch noch alleinstehend? Vor allem, weil niemand wusste, wohin genau die Reise stattfinden, wie lang sie dauern und wie sie ausgehen würde. 
Liesmarie dachte an ihre Schwester Annkatrin, die mit ihren dreißig Jahren bereits sechs Kinder hatte. Aber Annkatrin hatte auch einen Mann an ihrer Seite, auch sie würde es irgendwie schaffen! In solchen Momenten, musste man in erster Linie an sich selbst und die eigenen Kinder denken. Die Nächstenliebe erstreckte sich nur auf diejenigen, die man mit den eigenen zwei Händen greifen konnte. 
Liesmarie lehnte ihren müden Rücken an die Wand. Nur einen kurzen Moment verschnaufen, dann weitermachen. An Schlaf war sowieso nicht zu denken. Sie würde es wohl kaum schaffen, ihre Gedanken zu beruhigen.
Wie spät es wohl sein mag? Obwohl es draußen noch stockdunkel war, ging Liesmarie hinaus. Wovor sich jetzt noch fürchten?
Der stumme Mond, der vermutlich mehr wusste als die meisten Menschen im Dorf mit dem schönen Namen Sonnental, ließ sein hellblaues Licht auf die Erde fallen. Dadurch wirkte die Gegend trostlos, bedrückend. 
Liesmarie zog ihre Schuhe aus und stieg die Holzstufen hinab. Das Gras war kühl, feucht, umschmeichelte ihre müden Füße. Hinter ihr ächzte das alte Elternhaus, das sie in wenigen Stunden verlassen würde. Für einen bestimmten Zeitraum nur? Für immer? Das wusste Liesmarie nicht, sie wollte es auch nicht wissen. 
Nicht zu viele Gedanken darüber machen, was kommen könnte. Erst denken und handeln, wenn es soweit ist. Dies pflegte ihr Vater, ein weiser Mann, der schon viele Tragödien und Katastrophen im Leben durchzustehen hatte, stets zu sagen. 
Nicht nachdenken - geschehen lassen. Hatte Liesmarie etwa eine andere Wahl? 
Liesmarie lauschte den nächtlichen Geräuschen des Dorfes Sonnental. Sie verließ den Hof und schaute auf die schwarzen Umrisse der Häuser, Bäume und Zäune. Hier und da brannten noch Lichter. Liesmarie war nicht die einzige gewesen, die in dieser Nacht nicht schlafen konnte. 
Sonnental verlassen. Warum nur? Ja, der Krieg - vom Krieg hatte Liesmarie auch schon gehört. Aber was hatte sie mit dem Krieg zu tun? Sie oder ihre Kinder? Oder ihr kleiner Neffe, der gerade erst geboren war? 
Liesmarie sank auf die Knie, berührte die trockene Erde. Sonnental verlassen. Bald, bald, bald. Nie wieder die Dorfstraße zum Fluss entlang laufen. Nie wieder aufs Feld hinausgehen. Nie wieder im Hof, unter dem alten Baum liegen, in den Himmel schauen und die kunstvollen Wolkenbilder bestaunen. Nie wieder in der Sommerküche stehen, um das Essen für die Kinder zu kochen. 
Das Leben von Liesmarie war nie einfach gewesen, gewiss hatte sie sich ab und zu auch ein besseres Leben gewünscht. Doch nun erschien ihr alles, was sie in Sonnental erlebt hatte und besaß, auf einmal so vollkommen. Nein, sie wollte nicht weg. Nicht von ihrem Elternhaus, nicht aus ihrem Dorf, nicht weg vom Friedhof, wo die Ruhestätten ihrer Eltern und Großeltern waren.
Zwei Hände, zwei Kinder. Immer wieder sprach Liesmarie diesen Satz leise vor sich hin, wie ein Gebet: Zwei Hände, zwei Kinder. Die Worte ihrer Mutter, die von ihren fünf Kindern nur zwei retten konnte. Zwei rettende Hände, zwei gerettete Kinder, sagte die Mutter immer wieder. 
Zwei Hände, zwei Kinder. Liesmarie atmete den süßlichen Duft ein, der von den erntereifen Feldern strömte. Liesmarie schloss die Augen. Sie legte ihr Ohr auf die Erde und horchte. Hinter dem Dorf Sonnental erstreckten sich grenzenlose Felder. In ihren Gedanken flog Liesmarie über die Felder, bis zum Ufer der Wolga. Sie würde es nicht mehr schaffen, sich von ihr zu verabschieden. Liesmarie meinte das Rauschen der Wolga zu hören, wie ihre Wellen sanft am Ufer aufschlugen. Sie breitete ihre Arme wie zu einer Umarmung aus. Ein letztes Mal die Erde ihrer Heimat umarmen, das letzte Mal dem geliebten Dorf Sonnental eine Liebeserklärung aussprechen. Das letzte Mal am heimischen Boden weinen, beten, hoffen. Hoffen, dass man irgendwann vielleicht doch zurückkehren können wird. 
Zwei Hände, zwei Kinder. Dir wird nichts geschehen, Liesmarie. Langsam hob sie ihren müden Körper vom Boden, ging zurück über den dunklen Hof ins Haus. 
Zwei Hände, zwei Leben. Davor und danach. Liesmarie schritt leise durch die Stube, nahm Sachen in die Hand, legte sie wieder zurück. Dachte krampfhaft darüber nach, was sie auf die Reise ins Ungewisse noch mitnehmen sollte. Die alte Bibel? Das gestickte Kopftuch ihre Mutter? Vielleicht noch die alte Truhe? 
Auf dem Tisch lag noch die Zeitung, die Väs Albertina an jenem Morgen vorbeigebracht hatte. Schau, Liesmarie. Schau, was da steht! Auf dem Gesicht von Väs Albertina helle Tränenspuren. Was soll mit uns geschehen, Liesmarie? 
Zwei Hände, zwei Kinder. Liesmarie ließ ihre Finger über die Zeitung fahren. Sie faltete sie ordentlich zusammen, immer kleiner und kleiner. Bis nur noch ein Streifen zu lesen war: Nachrichten -  Nr. 204 - Sonnabend, den 30. August 1941 - 15 Kopeken. 
Nein, den Erlass aus Moskau mochte Liesmarie nicht mehr lesen. Diesen grauenvollen Erlass, der zwei Tage zuvor das Schicksal der Wolgadeutschen und aller Deutschen in der Sowjetunion besiegelt hatte. Liesmarie rechnete nach, schlug die Zeitung noch einmal auf und versicherte sich, dass es der 28. August gewesen war.
Zwei Tage, in denen die Menschen unbeschwert und unwissend weiterlebten, nichts ahnend, dass irgendwo bereits Entscheidungen getroffen wurden, die ihr eigenes Leben sowie auch das Leben ihrer Kinder und Kindeskinder prägen würden. Liesmarie sank mit der gefalteten Zeitung zu Boden und weinte still. Ihr Schmerz, ihr Kummer, ihre Angst vor der Ungewissheit und die Sorge um ihre geliebten Kinder, all das brach in bitteren Tränen aus ihr heraus. Zwei Hände, zu einem Gebet gefaltet.
Zwei Hände, zwei Kinder, zwei Tage, zwei Stunden bis zum Sonnenaufgang. Zwei Leben, zwei Welten, zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei Länder. 
Zwei Worte, die Liesmarie in jener Nacht über die Lippen kamen. Leise wiederholte sie diese Worte, für sich, für ihre Kinder, für Gott. Zwei Worte, mutig genug dem Schicksal entgegenzutreten, gewollt, alle Schwierigkeiten zu überwinden, alles zu überstehen, zu überleben. Zwei Worte, getränkt mit Mut und Stärke, mit Überlebenswillen und Hoffnung, mit grenzenloser Mutterliebe und mit Zuversicht. 
Zwei Worte, die Liesmarie in jener Nacht so leise und innig vor sich hingebetet hatte, wurden zu ihren ständigen Begleitern, zu ihren Lebensrettern und zu rettenden Trosthalmen für ihre Kinder, und ihre Kindeskinder, und noch viele Generationen danach. Selbst nach ihrem Tod, erinnerten sich die Nachkommen von Liesmarie dankbar an diese zwei Worte, die ihre Urmutter in Stunden ihrer größten Verzweiflung - in der dunklen Abschiedsnacht an der Wolga, in der eisigen Verbannung in Sibirien, während des jahrelangen Kampfes um die Ausreise nach Deutschland, in der ernüchternden Anfangszeit in der neuen Heimat sowie in jeder schwierigen Lebenslage, wie ein Gebet sprach. Zwei Worte, einst ihren zwei Kindern gewidmet, die wie ein kostbarer Schatz von Generation zu Generation weitergegeben wurden: 
„Für euch.“ 




Bewertung: (5,00 Punkt(e) / 6 Bewertung(en))

 
 
Kommentare

 
Keine Kommentare vorhanden.
 
 
Kommentar verfassen
 
Name:
E-Mail:
Betreff:
Kommentar :
 
 

Nach oben